(Riding on the Waves of Doubt)
by Katjen (katjen20@yahoo.com)
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ÜBERSETZUNG: Lina (lina61@gmx.net) Beta: Alli
SPOILER: eigentlich kein, weil - AU.
KATEGORIE: AU; PG-13; alle, aber meistens M/M
DISCLAIMER: Roswell gehört keinen von uns.
SHORT CUT: die Suche nach den vierten Alien.
Ich denke, ich spürte immer, dass ich anders bin als ob ich immer schneller oder langsamer als die anderen gehen würde jedenfalls asynchron. Ich glaubte, es sei völlig gewöhnlich, sich abnormal und unpassend zu fühlen, nirgendwo hinzugehören. Ich hatte nicht erwartet, ich hatte nicht geglaubt, dass ich tatsächlich eine Fremde bin. Aber gleichzeitig wenn ich ganz ehrlich bin war ich kaum überrascht. Klar, ich schrie ihn an, ich nannte ihn verrückt das war doch menschlich, und ich wollte menschlich sein, so schrie ich. Das hat ihn verärgert... na und, er ist immer verärgert.
Ich hasste ihn.
Ich hasste ihn, weil er dachte, er wüsste, wer ich bin, weil er mein Leben hier für blöd befand (und normalerweise würde ich zustimmen, aber ihm widersprach ich aus Prinzip).
Ich hasste sein idiotisches Haar und sein aufreizendes Grinsen.
Ich hasste die Art, wie er mich hineingezerrt hat, mich gezwungen hat, mit ihm zu gehen, meine kleine beschissene Stadt zu verlassen bloß weil sein Freund von mir träumte, bloß weil es eine Bestimmung gab, bloß weil ich ein Alien bin.
Ich bin ein Alien.
Und er nahm mich mit nach Roswell, New Mexico.
Absurder konnte es kaum sein.
***
Ich sah ihn zuerst bei der Arbeit. Ich jobbte in einem „Starbuck“-Café entgegen meiner Überzeugung, nicht zu sprechen meiner Moral. Aber wie brauchten das Geld. Jeden Tag kamen die gleichen Leute Bürohengste in Anzügen, die sich zwischen Mochachino oder Frappachino (beide gehörten zur höheren Kategorie Crappachino) nicht entscheiden konnten; oder die Schüler aus meiner Schule flossen in Horden aus ihren Jeep Cherokees und sammelten sich draußen, lachten und amüsierten sich. Ich beneidete sie darum. Sie alle schienen direkt der Werbung entsprungen zu sein so sollten glückliche, gesunde, normale junge Menschen aussehen.
Ich war keine von ihnen. Ich gehörte nicht zu diesen beliebten Teenagern, deren Kalender voll mit Aktivitäten, Lokalen und Auszeichnungen waren. Ich gehörte nicht zu den "dramatischen“ Jugendlichen, und auch nicht zu den „Wissenschaftsfreaks“ ich war bloß ich, Maria. Die merkwürdige Maria ohne Freunde, dafür mit einer Mutter, die die meiste Zeit in Bars herumhing. Ein Teil von mir wartete nur auf einen Vorwand, alles hier zu verlassen, und plötzlich war der Vorwand da in Form eines verdreckten Kerls mit den Gravitationsgesetzen widersprechendem Haar, der durch das Fenster reinsah. Seine Augen suchten das Innere des Cafés ab, die Gesichter der Gäste, und dann fanden sie meine.
Unsere Augen trafen sich und mein Atem, mein Gehirn setzten aus. Ich weiß nicht mehr, was ich fühlte, warum ich so fühlte, als hätte ich ihn schon gesehen, als wüsste ich, wie seine Stimme klang, seine Berührung sich anfühlte.
Er kam vorsichtig rein, die Hände in den Hosentaschen, die Schultern hochgezogen, bemüht nichts zu berühren, bemüht, die sich um gnadenlos kleine Tische und schmale Theken drängenden Gäste nicht zu streifen. Er kam direkt zur Kasse und starrte mich an. Ich starrte zurück, bis mein Chef hinter mir erschien und seinen Ellbogen in meinen Rücken rammte.
Ich stotterte „Wie kann ich dir helfen”, und wandte meine Augen kurz, um einen vernichtenden Blick meinem miesen Chef zu schicken, und als ich ihn wieder ansah, schaute er total verwirrt zu den Schildern mit den Menüs über meinem Kopf.
„Hm, einen Kaffee... hätte ich gern.” Ich musste schmunzeln.
„Welchen Kaffee?“
„Hm, einen normalen Kaffee, schätze ich... weißt du, einer aus Kaffeebohnen, mir jeder Menge Koffein.“
Ich starrte ihn an. Er war noch immer angespannt. Es sah so aus, als würden seine Fäuste jeden Moment die Hosentaschen sprengen. Ich schenkte ihm ein beruhigendes Lächeln und sagte, dass ich mich darum kümmern würde.
Die ganze Zeit, während ich den Kaffee bereitete, fühlte ich seine Augen auf meinem Rücken, und es war aufregend. Bisher hatte mich noch kein Junge so angeschaut nicht auf diese Weise, die ich in seinem Blick spüren konnte. Ich fing an zu überlegen, ob ich ihn vielleicht in der Schule sehen würde, ob wir gemeinsamen Unterricht haben würden. Ob er sich in der Mittagspause neben mich setzen und mit mir reden würde. Ob. Ob. Ob.
Ich drehte mich um und lächelte. Er sah mich an und rückte drei zerknüllte Dollarscheine raus. Meine Finger streiften seine, als ich das Geld nahm, und in diesem Moment passierte etwas.
Es war wie tausend Stromentladungen, die durch meinen Arm direkt ins Gehirn schossen, wo sie in Bildern explodierten zwei Gesichter, die ich kennen sollte, ein unendlicher, den Verstand raubender Himmel, bedeckt mit Millionen weißer Sterne, goldener Sand mit merkwürdigen rotbraunen Zeichen, die ich tief in meinem Verstand zu begreifen wusste, eine zackige Felsenformation, die in einen wolkenlosen, blendend blauen Himmel stach.
Ich ließ die Geldscheine fallen und riss meine Hand zurück als wäre sie verbrannt. Er schaute mich noch einmal an und nahm seine Tasse Kaffe aus meiner anderen Hand, vorsichtig eine Berührung vermeidend. Er schritt unschlüssig von der Kasse zurück, nickte sich selbst zu, drehte sich um und ging.
***
In dieser Nacht konnte ich nicht schlafen. Jedes mal, wenn ich meine Augen schloss, sah ich ihn aber nicht so, wie ich ihn im Café gesehen hatte. Ich sah ihn in der Wüste mit zwei anderen, die ich kannte und auch nicht kannte, die sich an den Händen hielten und in den elektrisierend blauen Himmel starrten, auf ein Sternbild, das wie ein „V“ aussah. Und dann kamen diese Rückblenden Rückblenden der Erinnerungen, die ich mein ganzes Leben lang zu verdrängen versuchte. Wie das Feuer in der zweiten Klasse. Nach diesem Vorfall stellte ich mir vor, dass alles, was an diesem Nachmittag geschehen war die Flammen, die Schreie, die Feuersirene, die verängstigten und erschrockenen Blicke zu mir, die Fragen, die ich nicht beantworten konnte, in einen Metallkasten gesperrt war. Ich warf in diesen Kasten alles, was ich als dunkle Abgründe meines Verstandes deutete, in der Hoffnung, mich nie wieder daran erinnern zu müssen, und das gelang mir auch. Bis jetzt. Die Erinnerung war nicht so verschwommen, wie sie sein sollte, wenn man bedenkt, dass ich sie 9 Jahre verdrängt hatte.
Ich saß allein in der Ecke des Klassenzimmers neben dem Regal mit allen für die „freien Lesestunde“ bestimmten Büchern. Ich war mitten im Krieg mit Pam Prendergast. Sie sagte Sachen über meine Mom und mich. Dass wir Wohnwagen-Abschaum seien und solch ein Zeug, das mich immer beängstigte, weil ich insgeheim fürchtete, dass es der Wahrheit entsprach. Trotzdem konnte ich es nicht einfach hinnehmen. Ich konnte nicht zulassen, dass sie diese schmutzigen Sachen zu mir sagte, und ich nichts dagegen unternahm. Ich meine, was dachte sie sich, wer sie war? Gott, bei einem Namen wie Prendergast würde man nicht vermuten, dass sie dermaßen groß und kräftig war. Jedes Mal, wenn ich sie schlug, musste ich mich in die „Auszeit-Ecke“ begeben, die strategisch günstig neben dem Bücherregal lag. Ich fand es immer grausam und nutzlos, dass diese Auszeit direkt neben Bücher abgesessen werden musste, den man nicht berühren durfte, egal wie gelangweilt (und dadurch reumütig) man wurde. Ich war so wütend darüber, dass letztendlich ich immer diejenige war, die sich entschuldigen musste, dass ich immer diejenige war, die die "freie Lesestunde" das Einzige, was mir an der Schule Spaß machte allein und ohne Buch verbringen musste.
Und dann fing ich an mir vorzustellen, wie aus den mittleren Seiten der Bücher zuerst kleine Rauchwolken aufstiegen, und danach Flammenzungen, die ihren Weg nach draußen durch die Seiten der Bücher leckten, bis sie die Bücherdeckel erreichten. Ein Buch nach dem anderen entlang des Regals Rauch... Flamme... Rauch... Flamme... Rauch... Flamme... Ich dachte, ich würde mir das bloß vorstellen eine bittere, verdrehte Phantasie wenn ich schon nicht die Bücher genießen konnte, sollte es auch kein anderer tun. Und dann erscholl der Feueralarm, die Kinder in meiner Klasse fingen an zu schreien und zu rennen. Und alles, woran ich denken konnte, war „soviel zu den Feuerübungen.” Ich saß dort, bis die Flammen von dem Regal auf die Wand übergingen, und meine Lehrerin Mrs. Kendall mich am Arm packte und nach draußen zerrte, ständig schreiend „Woher hast du die Streichhölzer? Warum hast du das getan?“ Ich sagte kein Wort, aber in meinem Kopf schrie ich zurück: „Ich wollte das nicht! Ich wollte das nicht!“ Die Sprinkleranlage schaltete sich ein, und die Flammen wurden gelöscht, noch bevor sie außer Kontrolle geraten konnten. Ich wurde zum Psychiater geschickt, aber ich sprach nie ein Wort über das Feuer. Ich konnte mich nicht an die Ereignisse erinnern. Als ich im Büro dieses Mannes über meine "Wut" ausgefragt wurde, waren meine Erinnerungen bereits in einen Metallkasten gesperrt und in den Abgrund geworfen worden, zu den anderen verrückten oder schlimmen Sachen, die ich jemals getan hatte.
Aber jetzt plötzlich erinnerte ich mich wieder bloß weil ich den merkwürdigen Jungen berührt hatte, den Jungen mit den Haaren, die ich nicht einmal in Ansätzen diskutieren will. Ich erinnerte mich an all dieses... Zeug, wie dieser schreckliche Sturm, als ich vor Angst ausflippte und alle Lichter im Haus anmachte, ohne die Schalter anzufassen. Oder wie ich die liebste Kaffeetasse meiner Mom zerbrach und zu Gott betete, dass ich die Tasse mit einem Handwink reparieren könnte. Ich war so durcheinander, dass ich wirklich mit der Hand über die Splitter winkte. Und als ich die Augen wieder öffnete, war die Tasse ganz.
Metallkasten, Abgrund.
***
Das zweite Mal sah ich ihn in der Schule. Ich träumte gerade davon, wie er sich neben mich an den Mittagstisch setzt und mich auszugehen einlädt (gut, er hatte mich nicht eingeladen, zumindest nicht mit der Absicht, die ich mir erhofft hatte). Ich hatte mir gerade eine Handvoll Zimtherzen in den Mund gesteckt (ich frage mich, ob man an einer Überdosis davon sterben kann. Wenn dem so ist, bin ich die Erste, die umkippt ich bin ja sooo süchtig danach) und er plumpste neben mir nieder, rittlings auf der Bank, ein Ellbogen grub sich nervös in den zerkratzten und bemalten Tisch.
„Hi.“
„Hi.“
„Wir sollten reden.“
„Ich kenne dich nicht einmal.“
„Doch, tust du. Und ich kenne dich. Du brauchst nicht so zu tun, als ob du nicht... du brauchst mir nichts vorzumachen. Ich weiß, wer du bist.” Er schaute sich um, um sicher zu gehen, dass niemand uns zuhören konnte, und drehte sich zurück zu mir. Seine Augen waren braun mit kleinen bernsteinfarbenen Punkten darin. „Ich bin wie du.” Pause.
„Wie meinst du das?“
Er warf mir einen missbilligenden Blick zu und sah sich wieder um. „Ich bin, du weißt schon, nicht von hier.“
„Gut, klar, ich weiß das sonst hätte ich dich früher gesehen. Marathon ist nicht ausgesprochen groß.“
Er schwieg einen Moment und sah mir in die Augen, auf diese entnervende Art, durch die ich mich völlig schutzlos und verwundbar fühlte. Nackt.
„Verarsch mich nicht.“
„Verarsch du mich nicht!“, rief ich ihm zu und spürte Ärger in mir aufsteigen. Ich war verwirrt, weil das über einen Scherz hinauszugehen schien.
„Du kannst es nicht nicht wissen...“
„Und du kannst mich nicht noch mehr gruseln. Lass mich allein, okay?” Er machte mich nervös. Ich konnte ihn nicht anschauen, ohne dieses blöde Sternbild zu sehen, ohne den Wüstensand unter meinen Füßen zu fühlen, ohne die Wärme anderer Hände in meinen Händen zu spüren...
Er starrte mich wieder an.
„Diese Visionen sind real. Die du gesehen hast, als wir uns berührten... Das Sternbild die Aries-Konstellation, der Felsen in der Nähe von Roswell, an einem Ort namens „Pullman Ranch“, und diese Leute...” Er zog ein zerknittertes Bild aus seiner Tasche und zeigte es mir. Er zeigte auf das Mädchen, „Isabel“, und dann auf den Jungen, „Max.” Bei dem Namen Max sah er mir ins Gesicht, als ob ich von Freude überwältigt aufschreien müsste: „Oh, richtig, Max!“
Ich fing an auszuflippen. Ich tue das immer, wenn ich nervös bin. Es waren die gleichen Leute, die ich in meinem Traum gesehen hatte draußen in der Wüste, zusammen mit dem Jungen mit dem wilden Haar. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.
„Wie heißt du?“
Er schaute mich an. Er tut das ständig. „Michael.“
„Ich bin Maria.“
***
Er sagte, er käme um acht. Er sagte, er wisse, wo ich wohne. Ich war gerade dabei zu entscheiden, ob ich ihn überhaupt ins Haus reinlassen sollte, falls er wirklich kommen würde. Er beunruhigte mich. Seine Intensität beunruhigte mich die Tatsache, dass er offensichtlich erwartete, dass ich „Ja“ sagen würde, erwartete, dass ich auf den Rücksitz seines Motorrads aufspringen und mit ihm wegfahren würde, und alles mein Leben, meine Mutter hinter mir lassen würde. Ich... ich könnte sie nicht einfach verlassen. Abgesehen von einigen herausragenden Beispielen, wenn sie mit meiner Lebensweise genauso unzufrieden war wie ich mit ihrer, kamen wir gut miteinander aus (wenn sie eben nüchtern war). Ich meine, sie war meine Mom. Ich liebte sie, und sie brauchte mich. Sie wurde von allen verlassen zuerst von meinem Vater und dann von einem Kerl nach dem anderen. Wenn ich das auch täte, würde es sie umbringen. Aber diese Visionen... die Sterne hatten einen Namen. Der Felsen war real. Sie hatten Namen. Isabel, Max, Michael. Und der Klang dieser Namen schmeckte vertraut auf meiner Zunge.
Wie konnte das passieren... wie konnte ich all diese Sachen sehen, diese Menschen, die ich schwöre nie gekannt hatte... wie konnte ich mich an Ereignisse aus meiner Kindheit erinnern, Ereignisse, die ich längst in meinem tiefsten Inneren versteckt hatte... wie konnte ich ernsthaft überlegen, mein Zuhause, meine Mom zu verlassen für... wofür denn? Für den Jungen? Hatte es damit zu tun ? Mit dem Gefühl, dass ich dorthin gehörte, wo auch er war, dass ich ihn kannte, dass ein Teil von mir ihn brauchte, nach ihm verlangte mehr als alles andere, was ich in meinem ganzen Leben je gewollt und gebraucht hatte?
Das war verrückt. Ich hatte ihn gerade erst getroffen, und wir haben kaum zehn Sätze miteinander getauscht.
Ich konnte nicht mit ihm weggehen, als er fragte.
Ich konnte nicht.
Meine Mutter folgte einem Kerl, und sieh, was mit ihr geschah eine alleinstehende Mutter mit sechzehn, kaum in der Lage, einem Job nachzugehen und Rechnungen zu bezahlen, abgeschnitten von all ihren Freunden und von ihrer Familie in Roswell.
„... der Fels... in der Nähe von Roswell... “
Roswell.
Meine Mutter war dort geboren worden.
Dort hatte sie meinen Vater getroffen.
Ich schauderte. Es wurde mir langsam zu verrückt. Psychotisch.
Ich entschied, dass ich wahnsinnig wurde. Das ergab mehr Sinn.
„Hey.“
Ich schreckte auf und warf meinen Teddybären nach ihn, den ich an mich gedrückt hatte. Er prallte weich auf seiner Schulter auf und fiel zu Boden.
„’tschuldige.” Das klang nicht nach einer Entschuldigung.
„Wie bist du reingekommen?“
„Durch die Tür...“
„Aber ich hab’ sie versperrt...“
Achselzucken, Augenkneifen, Kratzen am Hinterkopf. „Nun, ich hab’ sie aufgesperrt.“
„Warte mal, du meinst, du bist in mein Haus eingebrochen?“
„Du wusstest, dass ich komme!“, antwortete er.
„Dann benutz die Türklingel wie jede normale Person!“
Er grinste plötzlich, und das verärgerte mich noch mehr.
„Was ist so lustig?“
„Ich bin keine normale Person, genauso wenig wie du. Das ist der Sinn der Sache, also pack deine Tasche oder was immer du mitnehmen willst, und wir verschwinden nicht zuviel Zeug, wir fahren auf einem Motorrad.“
„Du denkst, ich würde weggehen, einfach so mit dir?“
„Ich hab’ dir gesagt, ich treffe dich heute Abend!“
„’Treffen’ und ‚Weggehen’ bedeuten nicht das Gleiche, schau selbst nach!“, ich warf mein auf dem Bett liegendes Wörterbuch nach ihm, und er blickte wütend zurück.
„Warum sollte ich dich sonst treffen wollen? Denkst du etwa, ich wollte mit dir ausgehen oder sowas? Bilde dir nichts ein!“
„Du bist durchgeknallt!“
„Du bist ein Alien!“
Was? Nein. Ja. Warte mal. „Was?!“ Er schüttelte überrascht den Kopf.
„Wie zum Teufel kannst du das nicht wissen? Hast du noch nie etwas... Merkwürdiges... an dir bemerkt, als... sich deine Kräfte entwickelten?“
Ich atmete tief ein und schluckte. Wie konnte er wissen... Nein. Das passierte nicht. Ich durfte es nicht zulassen.
„Diese Kräfte...” Er kam langsam auf mich zu, und ich schritt rückwärts, bis ich auf den Stuhl beim Schreibtisch traf, dann konnte ich nirgends mehr hin. Er blieb neben mir stehen, so nahe, dass ich seinen Atem auf meinen Wangen spürte, und nahm meine Hand.
Ich wollte ausweichen, ihn wegschieben, aber ich konnte mich nicht bewegen. Und in dem Augenblick, wo seine Haut meine berührte, durchfuhren mich wieder diese Blitze, die bei unserem ersten Treffen durch meinen Körper schossen, und dann explodierten Bilder das Feuer die Lichter die Kaffetasse die Katze mit dem gebrochenen Bein, die ich vor ein paar Monaten beim Müllraustragen hinter dem „Starbuck“ gefunden und geheilt hatte.
„Diese Kräfte...”, flüsterte er, und ließ meine Hand los.
„Wie machst du das? Wie bringst du mich zum Erinnern!?“
„Du solltest dich erinnern. Das ist sehr wichtig. Wir müssen zusammenbleiben. Diese Träume, die wir haben... alle Visionen... haben uns zu dir geführt. Und ich bringe dich zurück weil du eine von uns bist.“
Durch mein Gehirn rasten sich wild drehende Sterne, der Sand, die fremdartigen Zeichnungen, Feuer, Blitze, Glassplitter, Isabel, Max, und er, er, er.
„Was machst du mit mir...“, murmelte ich, als er mein Gesicht in seine Hände nahm und seine Augen schloss.
„Ich zeige dir, wer du bist.“
Ich fühlte eine sonderbare Wärme, die unter seinen Hände durch meine Haut strömte. Die Blitze waren diesmal milder, nicht so aufdringlich, nicht so bezwingend, aber sie brachten mich dennoch dazu, die Augen zu öffnen und zu sehen, was er mir zeigen wollte.
Ich sah ihn und die beide anderen. Sehr jung, vielleicht sieben Jahre alt, ihre Haut war glitschig und glänzend; dünne Fasern wie Spinnenfäden hingen an ihren Armen, ihren Beinen, ihren Haaren. Sie waren in einer Höhle, und es war dunkel und kalt. Sie waren verwirrt, erschrocken, aber sie hatten einander, und so wussten sie, dass alles gut wird. Er zeigte mir den dunkelhaarigen Jungen, Max, der ein großes, rundes... Etwas berührte...
Ein Kokon
... der Kokon glänzte in der Dunkelheit der Höhle wie ein Diamant. Da waren noch drei Kokons, aber sie waren anders als der, den Max berührte sie leuchteten nicht, sie waren offen. Sie kamen aus den Kokons. Max. Isabel. Michael. Sie waren daraus... geboren worden. Max wischte die Spinnenfäden vom letzten geschlossenen Kokon und schaute rein. Drinnen war ein kleines Mädchen, ein Mädchen mit goldenem Haar, schlafend wie Schneewittchen in ihrem Kristallgrab.
Das bist du...
Nein... es kann nicht sein...
Leugne es nicht... leugne dich nicht...
Ich sah, wie Michael die Hand auf einen silbernen Handabdruck an der Höhlenwand presste, und dann kam ein Laut, ein schrecklicher kreischender Laut, als würde Fels gegen Fels reiben, und das blendende Sonnenlicht drängte herein. Michael verließ die Höhle zuerst, Max und Isabel folgten ihm.
Plötzlich war ich in der Wüste, umgeben von diesen Zeichen, die ich fast verstand. Ich stand vor einem davon vier Rechtecke, jedes mit einer gezeichneten Limabohne darin, und durch eine x-förmige Linie miteinander verbunden. Ich stand hinter Max, konnte seine Hand in meiner fühlen, aber mir gegenüber stand Michael, und ich sah in seine Augen.
Die anderen verschwanden. Die Karte löste sich auf, und wir blieben zurück, nur wir allein in dieser Wüste unter tiefschwarzem Himmel mit mehr Sternen, als ich für möglich hielt. Wir sahen einander an, er streckte den Arm zu mir aus, unsere Finger streiften sich und... es war aus. Ich fühlte, wie er sich von mir wegriss. Ich fühlte seine Verwirrung und seine Besorgnis. Er trat von mir weg, und der plötzliche Verlust von Wärme drängte mir fast Tränen in die Augen.
„Pack deinen Kram“, sagte er heiser und ließ mich allein in meinem Zimmer.
***
Ich sah meine Hände an. Es waren menschliche Hände. Die Haut war weder silbern noch grün, 5 Finger an jeder, die mattblauen Venen streckten sich durch meine Handgelenke, ich konnte die Sehnen sehen und fühlte die Knochen darin. Es waren menschliche Hände.
Ich sah in den Spiegel. Ich sah menschlich aus. Ich sah genauso aus, wie jedes andere Teenagermädchen in Marathon, Texas... Bloß... bloß wusste ich nicht mehr, ob ich mich wie eins fühlte. Er hatte etwas mit mir getan. Ich fühlte mich anders..., als ob ich plötzlich aus einem langen unruhigen Schlaf aufgeweckt wurde. Ich fühlte mich erfrischt, lebendig. Sehr wach. Und es erschrak mich. Musste ich unbedingt eine verdammte fremde Lebensform sein, war mein Leben nicht verwirrt genug gewesen, hatte ich nicht bereits genug Unsicherheiten wegen dem, was ich war?
Aber ich konnte keineswegs ein Alien sein. Ich konnte nicht. Aliens existieren nicht außer in Hollywood oder als kleine Attrappen in Touristenfallen wie Roswell, New Mexico. Ich ging nach draußen, wo er auf mich wartete an ein Motorrad gelehnt, die Arme vor der Brust verschränkt und sagte ihm das. Was danach geschah, ist nebelhaft. Ich schrie ihn an, er bellte zurück, ich lief zurück zum Haus, er hielt mich an und ließ mich los, sobald diese Funken-Sache wieder losging. Ich wollte wegrennen, aber er stoppte mich mit seinen Augen. Sie bettelten, mit ihm zu gehen.
Ich wusste, dass ich nicht nein sagen konnte.
Meine angebliche Bestimmung oder er ich weiß nicht mehr, was mich zwang, alles zu glauben. Ich bin mir nicht sicher. Es kümmert mich auch nicht. Ich gehe mit ihm. Heute abend.
Ich brach aus seinem Blick aus und rannte ins Haus zurück. Ich lief in mein Zimmer, steckte einige saubere Kleider in meinen Rucksack und grub meine Ersparnisse unter der Matraze aus. Ich wollte einen Zettel für meine Mom hinterlassen, aber was sollte ich schreiben? „Hab’ herausgefunden, dass ich ein Alien bin gehe nach Roswell. In Liebe, ’Ria.”? Das ging wohl nicht.
Es würde einige Zeit dauern, bis sie merken wird, dass ich weg bin. Wir haben uns öfters tagelang nicht gesehen, weil ihr Tagesablauf so chaotisch war. Außerdem sollte das nicht vom Dauer sein mein Urlaub mit dem Stachelschweinkopf. Vielleicht war ich zurück, ehe meine Abwesenheit ihr auffallen würde.
Ich rannte raus, stieg auf den Rücksitz seines Motorrads und schlang meine Arme um ihn. Er sagte kein Wort, und so schwieg ich auch.
***
Ich denke, ich spürte immer, dass ich anders bin als ob ich immer schneller oder langsamer als die anderen gehen würde jedenfalls asynchron. Ich glaubte, es sei völlig gewöhnlich, sich abnormal und unpassend zu fühlen, nirgendwo hin zu gehören. Ich hatte nicht erwartet, ich hatte nicht geglaubt, dass ich tatsächlich eine Fremde bin. Aber gleichzeitig wenn ich ganz ehrlich bin war ich kaum überrascht. Klar, ich schrie ihn an, ich nannte ihn verrückt das war doch menschlich, und ich wollte menschlich sein, so schrie ich. Das hat ihn verärgert... na und, er ist immer verärgert.
Ich hasste ihn.
Ich hasste ihn, weil er dachte, er wüsste, wer ich bin, weil er mein Leben hier für blöd befand (und normalerweise würde ich zustimmen, aber ihm widersprach ich aus Prinzip).
Ich hasste sein idiotisches Haar und sein aufreizendes Grinsen.
Ich hasste die Art, wie er mich hineingezerrt hat, mich gezwungen hat, mit ihm zu gehen, meine kleine beschissene Stadt zu verlassen bloß weil sein Freund von mir träumte, bloß weil es eine Bestimmung gab, bloß weil ich ein Alien bin.
Ich bin ein Alien.
Und er nahm mich mit nach Roswell, New Mexico.
***
Was würdest du tun, wenn dir jemand sagen würde, du seist ein Alien? Im Ernst, wie würdest du reagieren? Würdest du mit den Augen rollen und sagen „schau mal, wer da spricht“? Würdest du lachen und es ignorieren? Wärst du aufgebracht? Oder würdest du ausflippen? Würdest du wegrennen? Würdest du auf ein Motorrad steigen und dein Gesicht in eine Lederjacke eingraben, um nicht loszuheulen, weil du zur gleichen Zeit glücklich und erschrocken und verwirrt bist? Wenn mich jemand vorher gefragt hätte, hätte ich vermutlich die erste Möglichkeit gewählt. Aber ich war hier, raste durch die Nacht, vorbei an diesen Minigeschäften und Restaurants, die ich nie besucht hatte, vorbei an der Schule, der Vorschule und dem Kindergarten.
Und als ich den Kindergarten sah, kehrten meine Sinne zurück.
Ich konnte nicht das Mädchen in dem geschlossenen Kokon sein. Ich wurde nicht adoptiert. Ich bin nicht als 7-jährige in diese Welt hereingeplatzt. Ich bin ein Baby gewesen, ein Kleinkind, ich bin in die Vorschule gegangen, und ich habe Fotos zum Beweis zu Hause.
Ich war durcheinander.
Das Ganze war ein Riesenfehler.
Er musste meine Verspannung gefühlt haben. Er drehte sich zu mir und schrie in den Wind „Was ist los?” Ich wollte ihm nichts sagen. Was zur Hölle war mit mir los? Ich wollte ihm nicht sagen, dass ich nicht diejenige war, nach der er gesucht hatte.
Er schüttelte den Kopf und achtete wieder auf die Straße, beruhigt. Mein Herz pochte. Er wird es früher oder später herausfinden. Sobald wir in Roswell sind, werden die anderen es wissen. Was, wenn sie nur einen Blick auf mich werfen, mich sofort durchschauen, und mich töten, weil ich über sie Bescheid weiß... Was, wenn Michael es bereits erkannt hat? Wenn er seinen Fehler eingesehen hat und den passenden Ort und die passende Zeit sucht, um es zu tun...
Er zog plötzlich rüber zum Straßenrand und stoppte dem Motor. Wir waren zu weit weg von der Stadt, nichts außer Bäume entlang der Straße, kein Imbiss, keine Tankstelle, und kein Mensch meilenweit.
Ich könnte rennen und mich zwischen den Bäumen verstecken, wenn es soweit wäre vielleicht würde er mich in der Dunkelheit nicht finden... Oh Gott, können Aliens etwa im Dunkeln sehen..?
Ich war kurz vor einem Herzinfarkt.
„Warum... warum halten wir an..?” Er stieg vom Motorrad und deutete mir zu folgen. Ich saß da und überlegte, ob ich fähig war, das verdammte Ding zu starten und wegzufahren, als er mit den Augen rollte, seufzte und seine Uhr ansah.
„Es ist Mitternacht. Wir sind genug gefahren, und ich brauche Schlaf, okay?“
„Wie werden hier draußen schlafen?“
„Ich werde schlafen du kannst tun, was du willst, außer wegzufahren, also steig runter, ich roll’ den Motorrad zu den Bäumen.” Ich rutschte vom Sitz, erleichtert darüber, dass er nur schlafen und mich nicht verschwinden lassen oder schmelzen wollte oder was auch immer Aliens taten.
Ich folgte ihm zu den Bäumen, meine Arme um mich geschlungen. Ich war kein naturverbundenes Mädchen und freute mich keineswegs auf all die Mückenstiche, die ich sicherlich am nächsten Morgen ertragen musste. War schon lustig, dass mich das in diesem Moment am meisten beunruhigte. Noch eine Sekunde früher fürchtete ich den Tod durch einen gehirnschmelzenden Alien, und jetzt dachte ich nur noch „Warum zum Teufel hat er kein Wort übers Zelten gesagt? Ich hätte einen Mückenschutz gekauft. Ich kann nicht zelten. Ich will nach Hause. Ich will nach Hause. Ich will nach Hause. Ich bin bereits gestochen worden ich kann es spüren...“
„Hast du irgendein Insektenspray?”, fragte ich hoffnungsvoll.
„Ich habe kein Insektenspray.“
„Wir werden hier draußen lebendig aufgefressen.“
„Du musst damit fertig werden.“
„Ich kann nicht ohne Insektenspray!“
„Gott, bist du immer so?“
„Wie ‚so’?“
„Wie eine...“
„Eine was?“
„Prinzessin...” Prinzessin? Prinzessin?
„Und was ist mit dir?”, fragte ich, als er das Motorrad anhielt und an einen Baum lehnte. „Bist du immer so ein...“
„Ein was?“
„Ein... Knallarsch?” Okay, das war nicht gerade einer meiner hellsten Ausflüge ins Fachgebiet „Beleidigungen“.
„Sehr reif.“
„Du hast angefangen!“
Er löste einen Schlafsack vom Motorrad und schmiss ihn auf die Erde. „Das kann ja heiter werden...”, murmelte er zu sich, und ich beäugte den Schlafsack mit Misstrauen.
„Wofür ist der?“
„Hm, weiß nicht. Zum Schlafen vielleicht?“
Er rollte den Sack aus, hockte sich darauf und sah zu mir auf. „Ich wette, du erwartest von mir, dass ich den Mann spiele und für dich auf dem harten und kalten Boden leide?“
„Wirst du das etwa nicht?“
Er machte ein Gesicht, als würde er ein riesiges persönliches Opfer bringen, öffnete den Schlafsack und deutete mir rein. Ich tat es, weil ich nicht wusste, was ich sonst tun sollte, und weil ich fürchtete, dass er seine Meinung ändern kann.
„Machst du ein Feuer?“
„Ja, ich mache ein Feuer.“
„Genug, Kumpel. Hör mit diesem Getue auf.” Ich mühte mich wütend mit dem Reißverschluss ab. Er lehnte sich über mich und schloss ihn für mich, dann wartete er und sah mir so in die Augen, dass ich mich an diese verrückte Wüstenvision erinnerte als wir zwei alleine dastanden und...
„Prinzessin”, murmelte er und drehte sich weg, um einen Platz für das Feuer frei zu räumen.
„Knallarsch”, knurrte ich zurück, und zog den Stoff über meine Ohren.
Ich sah, wie er das Holz und ein paar Steine sammelte. Ich sah, wie er die Steine sorgfältig in einen Kreis anordnete und mit den Zweigen und Ästen eine winzige Holzhütte baute. Er war sehr genau dabei er versicherte sich, dass die Zweige ein perfektes Quadrat bildeten. Das brachte mich zum Lächeln.
„Hör auf mich anzuglotzen!“.
„Tu ich nicht“, antwortete ich und starrte weiterhin auf seinen Rücken.
„Tust du doch.“
Ich dachte daran ihm zu gestehen, dass ich nicht das Mädchen aus dem Kokon war. Dass ich kein Alien war. Bloß ein Mensch mit merkwürdigen... Fähigkeiten.
Ich konnte meine Visionen nicht erklären, ich wusste nicht, warum ich mich zu diesem Fremden hingezogen fühlte, warum ich mich gezwungen fühlte, mit ihm zu gehen, wohin auch immer er mich mitnehmen wollte.
Ich sollte es ihm sagen. Ich sollte ihn wissen lassen, dass er nur seine Zeit mit mir vergeudete.
Er drehte sich plötzlich um und ertappte mich dabei, ihn anzustarren.
Das durch die Blätter gefiltertes Mondlicht lag auf seinem Gesicht, und ich fühlte die gleiche Anziehung wie damals, als ich ihn zum ersten Mal erblickt hatte. So hatte ich noch nie für jemanden gefühlt, ich hatte mich noch nie so verbunden und lebhaft gefühlt, wie in dem Moment, als ich meine Arme um seine Hüfte geschwungen, und mein Körper sich an seinen Rücken geschmiegt hatte.
Ich wollte dieses Mädchen sein. Ich wollte dieser verlorene vierte Alien sein, weil das vieles erklärt hätte. Es hätte erklärt, was ich für diesen Jungen fühlte, warum es mich zu ihm zog, obwohl er mich die meiste Zeit erschrocken und verscheucht hatte. Es hätte erklärt, warum ich mich immer so allein und deplaziert gefühlt hatte. Es hätte erklärt, warum ich diese merkwürdigen Sachen tun konnte, wie zerbrochene Tassen zu reparieren, ohne sie zu berühren.
„Was ist mit dir los?“
Ich war im Begriff zu lügen. Er würde es schon bald genug selber herausfinden, und wenn nicht er, dann Max oder Isabel. Bis dahin würde ich es für mich behalten, denn so verwirrt ich war, seit ich ihn getroffen hatte, fühlte ich mich doch zum ersten Mal in meinem Leben vollständig, zum ersten Mal gehörte ich zu jemandem. Und egal wie egoistisch das klang, dieses Gefühl wollte ich nicht aufgeben solange ich es nicht musste.
„Nichts... ich hab’ nur einiges zu verarbeiten, weißt du?“
„Ja...“
„So... wie habt ihr mich gefunden?“
„Nasedo.“
„Was ist ein ‚Nasedo’?“
„Er ist einer von uns... von dort, wo wir her sind. Er wurde nicht auf der Erde geboren. Wir haben ihn jahrelang gesucht, und dann... ist er einfach eines Tages aufgetaucht. Er sagte, es gäbe noch eine von uns, und wir müssten sie finden... um wieder alle zusammen zu sein. Er wusste, wo du wohnst und... Max wusste, wie du aussiehst...“
„Warum warst du es?“
„Was?“
„Warum hast du mich abgeholt und nicht dieser Nasedo-Typ?” Er sah mich traurig an, dann drehte er sich um und warf nervös ein paar Äste in den Steinkreis, dabei zerstörte er fast das Holzhaus, für dessen Perfektion er so viel Zeit investiert hatte.
„Weil er verschwunden ist. Wieder einmal. Ich bin gekommen, weil es niemandem auffällt, wenn ich die Stadt für ein paar Tage verlasse. Max und Isabel würden vermisst werden.“
„Was ist mit deinen Eltern?“
„Ich habe keine.“
„Ich meine, die Adoptiv-„
„Vorzeitig vollmündig.“
„Oh.” Wirklich schlimm.
„Und, was ist mit deinen Eltern?”, fragte er abwehrend.
„Was ist mit ihnen?“
„Werden sie dich nicht suchen?“
„Oh, ja... ich meine, ich habe mindestens zwei Tage bis meine Mom merkt, dass ich nicht mehr da bin... Danach weiß ich nicht, was sie machen wird. Vermutlich die Polizei rufen und sagen, dass ich entführt wurde. Sie wird nie glauben, dass ich selbst weggelaufen sein könnte.“
„Ihr seid euch nahe.” Er sagte das missbilligend. Was glaubte er, wer er war?
„Manchmal.“
„Was ist mit deinem Vater?“
„Ich weiß nicht. Er verschwand, als ich noch ein-“, Gott, ich hatte fast ‚Baby’ gesagt, „-ähm, klein war. Er verließ mich und meine Mom schon vor langer Zeit.“
Schweigen.
„Zwei Tage, nicht?“
„Ja. Mindestens.“
„Zu wenig. Du solltest sie anrufen, sagen, dass du eine Weile wegbleiben wirst.” Ich fing an, ihn zu beruhigen, aber er unterbrach mich. „Nur für die Zeit, bis wir alles geklärt haben. Vielleicht, wenn wir vier wieder zusammen sind, taucht Nasedo wieder auf und sagt uns endlich, was zur Hölle das Ganze soll.“
Er drehte sich zum Feuerplatz und streckte seine Hand darüber.
„Was machst du da?“
„Dieses verdammte Feuer anzünden.” Er hob die Hand und fuhr frustriert durch seine Haare. „Scheiße. Ich kann das nicht... Hast du ein Feuerzeug oder sowas?“
„Ne...” Er sah mich enttäuscht an, aber dann blinzelte er, als wäre ihm etwas eingefallen. Er stand auf. „Komm her.“
„Was? Warum?“
„Du kannst es zünde es an.“
„Was meinst du damit?“
„Komm schon, es ist saukalt. Stell dir einfach vor, es wären die Bücher“, sagte er ungeduldig und zeigte dabei auf das Holz.
„Du hast es gesehen...“
„Ja, ich habe es gesehen, zünde das verdammte Feuer an, bevor ich mich zu Tode friere... Einer von uns hat keinen Schlafsack zum Warmbleiben, weiß’ du.“
„Ich kann es nicht... so einfach machen. Ich weiß nicht, wie ich es das letzte Mal gemacht habe.“
Er winkte ab und ließ sich verärgert wieder auf den Boden fallen.
„Wofür bist du dann gut?“
„Weißt du was? Leck’ mich, Spaceboy. Du bist derjenige, der mich überhaupt erst hier reingezogen hat. Ich schulde dir gar nichts.“
Er blieb eine Weile still, dann sagte er: „Es ist wirklich ungemütlich.“
„Wer ist hier jetzt die Prinzessin?“
„Die Braut, die meinen Schlafsack besetzt hat?” Dann sagte er plötzlich: „Du kannst von hier nicht mal die Sterne sehen.” Er klang enttäuscht. „Wenn du draußen in der Wüste lagerst, siehst du die Sterne“, erklärte er. „Sie sind überall.“
„Ich bin nie in der Wüste gewesen. Nicht wirklich.“
„Du bist. Du erinnerst dich bloß nicht“, ich schwöre bei Gott, er kann es nicht lassen, allem zu widersprechen, was ich sage.
Wir schwiegen, und dann fiel es mir ein nicht eine von den schlimmen Erinnerungen, sondern eine, die ich nicht vergessen durfte weil sie immer so wichtig für mich gewesen war. Es war mir nicht bewusst gewesen, dass ich es ihm erzählen wollte, bis ich mich sagen hörte: „Ich war in einem Sommerlager als ich 11 war. Ich hasste jede Minute davon, mit einer Ausnahme... in einer Nacht nahm uns der Betreuer mit auf einen Küchenraubzug, und der Speisesaal lag am anderen Ende dieses riesigen Grasfeldes, und der Rückweg... war erstaunlich... Es gab nur Boden und Sterne... Ich habe noch nie so viele Sterne gesehen... Als wenn es fast keinen Himmel mehr gab...” Meine Augen fingen an zu brennen, als ich mich daran erinnerte, wie ich auf die Knie gefallen war und weinte, und weinte, und weinte angesichts dieser Schönheit. Mein Herz war erfüllt gewesen. Ich hatte mich so frei gefühlt. „Ich fühlte mich so lebendig... als wäre ich ein Teil von etwas Größerem... als könnte ich meinen Arm ausstrecken und sie alle berühren, wenn ich mich genug anstrengte...” Ich erinnerte mich, wie es tief in mir geschmerzt hatte, weil ich sie nicht erreichen konnte. Ich behielt dieses Gefühl, bis meine Mom mich endlich nach Hause brachte. Die ganze erste Nacht zu Hause blieb ich wach, schaute hinauf zu den Sternen und wunderte mich, warum ich mich von allem soweit entfernt fühlte, obwohl ich da war, wo ich hingehörte - daheim bei meiner Mom.
„So ähnlich ist es in der Wüste“, sagte er ruhig. „Du wirst es sehen.“
„Machst du das... öfters?“
„Was?“
„Unter den Sternen schlafen?“
„Früher oft.“
„Warum nicht mehr?“
„Ich habe endlich einen Ort, zu dem ich nachts heimkehren kann.“
„Und vorher nicht?“
Ich spürte sein unbehagliches Winden neben mir in der Dunkelheit.
„Nein.“
Wir blieben wieder eine Weile still und hörten einander atmen, hörten das leise Flüstern der Blätter, die sich im Wind aneinander rieben.
Ich öffnete den Reißverschluss des Schlafsacks so weit, dass ich meinen Arm rausstrecken konnte, und zeigte auf den Himmel über uns, wo ich einige flackernde Lichter sah. „Da sind welche“, flüsterte ich.
„Wo?“
„Genau da.“
„Ich sehe gar nichts...“
„Meinst du, ich lüge?“
„Wohin schaust du?“
Ungeduldig zog ich ihn an seinem Jackenkragen näher zu mir. Ich zeigte wieder hin. „Hier“, sagte ich leise.
„Ja, ich sehe sie.“
Ich nahm meinen Arm wieder herunter und zog den Schlafsack darüber. Ich sagte: „Mein Arm ist so kalt.“
„Stell dir mal vor, wie ich mich fühle.” Ich spürte ihn neben mir zittern und fühlte Reue. Letztendlich war es sein Schlafsack.
„Fein“, sagte ich. Ein großes Baby.
„Was ’Fein’?“
Ich machte den Reißverschluss auf und hielt den Schlafsack offen. „Komm nur. Ich weiß, wie sehr du dir gewünscht hast, dass ich es dir anbiete.“
„Bilde...“
„...dir nichts ein, ich weiß. Komm schnell, bevor ich mir anders überlege.” Ich rollte mich soweit wie möglich weg und drehte ihm den Rücken zu, als er in den Schlafsack stieg und den Reißverschluss langsam zuzog. Als der Reißverschluss vollständig geschlossen war, reichte der Platz kaum für zwei, so dass unsere Rücken behaglich aneinander gepresst wurden.
„Du strampelst besser nicht...“
„Du auch nicht, Kumpel.“
***
Ich träumte von den Sternen und dem Sand, von dem in den Himmel stechenden Felsen, der auf das Sternbild Aries zeigte. Ich träumte von einem dunkelhaarigen Jungen. Ich träumte von seinen Küssen und seinen Händen. All das war beunruhigend. Nicht wie die anderen Visionen die hatten mich nicht so betrübt und gefangen fühlen lassen. Ich hatte mich ihnen zugehörig gefühlt, als wenn sie natürlich wären. Diese Vision fühlte sich aufgezwungen an, obwohl ich auf ihn einging, ihn zurückküsste und berührte.
Ich hatte mich nicht unter Kontrolle.
Ich war verängstigt.
Ich war nicht ich. Ich fühlte mich eine Rolle spielen, eine Rolle, die ich nicht unbedingt gewählt hätte.
Diese Vision war nicht real. Sie konnte es nicht sein. Ich kannte Max nicht. Wie konnte ich ihn so sehen. Diese Vision war nicht real.
Ich erwachte, das Gesicht auf die Innenseite des Schlafsacks gedrückt, der feucht vom Niederschlag meines Atems war.
Ich weiß nicht, warum ich es eine Vision genannt hatte. Das war keine Vision. Das war nur ein Traum.
Es war nur ein Traum
Mein Bauch knurrte, und ich machte meine Augen zu, fest entschlossen einzuschlafen und schlafend zu bleiben, ohne von weiteren Sexträumen oder -visionen aufgeweckt zu werden.
Michael rührte sich leicht hinter mir.
Ja. Viel Glück damit, Maria.
Ich schloss meine Augen noch fester und redete mir ein, dass die Sache mit Max nur Einbildung war. Das bedeutete gar nichts. Das war wahrscheinlich das Ergebnis meiner mangelhaften Ernährung, bestehend aus einem kleinen Snack, einer halben Dose Dr. Pepper, und einer handvoll Zimt-Tic-Tacs zum Abendessen. Das bedeutete gar nichts.
Ich zwang mich, diese Wörter zu wiederholen, bis sie ihre Bedeutung verloren, und ich endlich wieder einschlief.
Ich träumte von den Sternen und dem Sand, von dem in den Himmel stechenden Felsen, der auf das Sternbild Aries zeigte. Und als ich wieder den dunkelhaarigen Jungen sah, seine Küsse auf meinem Nacken und seine Hände auf meinem Rücken spürte, drückte ich die Augen zusammen und betete, dass mein Körper aufwachen und meine Empfindungen für ihn aufhören würden.
Dieses Mal wachte ich nicht auf.
Ich fühlte seine Lippen auf meinen... aber plötzlich war es anders. Ich öffnete die Augen, und Max war verschwunden. Michael sah auf mich herunter mit seinen dunklen, dunklen Augen, und die Sterne leuchteten über seiner Schulter. Er streckte seinen Arm nach mir aus und berührte zärtlich mein Gesicht. Ich küsste seine Hand, ich hob mein Gesicht zu ihm. Ich küsste ihn und konnte seine Angst spüren. Und als ich ihn umarmte, spürte ich, wie er seine Angst verscheuchte, und es gab nur noch uns...
***
Ich erwachte mit einem Gefühl der Wärme und Sicherheit. Ich erwachte mit Michaels Arm um meiner Hüfte, und mit seinen Lippen auf meinem Nacken, unter dem Haaransatz. Eine seiner Haarsträhnen war auf meine Wange gefallen. Er hatte sich offensichtlich im Schlaf umgedreht.
Ich konnte nicht atmen. Die Funken rasten in angenehmen kleinen Wellen durch meinen Körper und brachten mein Herz zum Pochen. Wie konnte er das nicht spüren?
Ich schloss meine Augen wieder und stellte mich schlafend, als ich seine Bewegung hinter mir wahrnahm. Sein Atem streifte meine Wange, als er den Kopf hob. Er nahm vorsichtig seinen Arm von meiner Hüfte und drehte sich leise um, um mich nicht aufzuwecken. Der Reißverschluss wurde geöffnet, und der Schlafsack raschelte, als er rauskroch und ihn nach einer Pause wieder schloss.
Ich lag noch einige Minuten da, ich wollte aufstehen aber fürchtete mich davor. Ich war verlegen, und er vermutlich auch.
Mein Gesicht war warm und mein Herz raste noch immer. So angespannt konnte ich ihm nicht ins Gesicht sehen. Er hatte kräftige Arme. Sie fühlten sich gut um mich an. Mir gefiel, wie seine Lippen sich an meiner Schulter anfühlten, und wie mein Körper sich an seinen anschmiegte, als wäre das die natürlichste Sache der Welt. Als ob wir miteinander auskamen, als ob wir einander mochten. Als ob wir einander liebten.
Oh, bitte...
Ich werde doch nicht nach diesem Jungen verrückt werden, nur weil er seinen Arm zufällig um mich gelegt hatte und mich die ganze Nacht hielt... und...
Und er mag mich nicht einmal. Er ist so ein Blödmann. Nein, kein Blödmann ein Knallarsch. Das wurde schon letzte Nacht festgestellt.
Gut, jetzt war ich verärgert. Gut. In diesem Zustand konnte ich ihn und seine Manieren besser behandeln. Ich stieg entschlossen aus dem Schlafsack. Er sah mich kurz an und ging zum Motorrad.
„Du hättest mir nicht vormachen müssen, dass du schläfst“, mummelte er, „Du hättest mich aufwecken können, ich hätte dich rausgelassen.“
„Ich habe geschlafen.“
„Nein, hast du nicht.” Er drehte sich zurück, fuhr mit seiner Hand durch das bereits zerzauste Haar und trat den zerwühlten Schlafsack.
„Schau, du hast einen Albtraum gehabt. Okay? Und deshalb habe ich...“, er verstummte, zuckte mit den Achseln und fing an, den Schlafsack zusammenzufalten.
„Welchen Traum..?” Oh mein Gott. Der Traum. Das hatte ich fast vergessen...
Er wusste nicht, wovon der Traum handelte.. bitte lass ihn nicht wissen, wovon er handelte...
Er stopfte den Schlafsack in seine Hülle, ohne mich anzusehen, seine ganze Aufmerksamkeit war auf den Schlafsack und das Motorrad gerichtet, bis alles sorgfältig hinter dem Motorradsitz befestigt war.
Ich fühlte, wie mein Gesicht heißer und heißer wurde. Er wusste es. Er wusste, dass ich von Max geträumt hatte. Ich wollte vor Verlegenheit sterben. Je früher desto besser.
„Du warst laut.” Oh mein Gott!
„Wie... laut?” Er zuckte wieder mit den Achseln. „Ich mein’, du klangst so... aufgebracht... Ich wollte dich aufwecken, aber du hast weiter gewimmert und mich getreten... du hast dich beruhigt, als ich dich... hielt. Deshalb...“, er verstummte wieder und zuckte noch einmal mit den Achseln.
„Danke“, flüsterte ich.
„Weißt du, was du... geträumt hast?
„Hm? Nein. Ich erinnere mich nicht.“
Tue ich. Max. Ich und Max.
Meine Knie zitterten. Ich wollte mich hinsetzen.
Plötzlich erinnerte ich mich, dass ich auch von Michael geträumt hatte. War es, weil er mich umarmte? Ich sah, wie er auf das Motorrad stieg. Er blickte mich wartend an. Unsere Augen trafen sich, und ich fühlte, wie mich die Verlegenheit wieder überwältigte. Es ist... merkwürdig... jemanden zu sehen, von dem man gerade geträumt hatte insbesondere, wenn man das über ihn geträumt hatte so als könnte ein Blick ihm alles über dich verraten.
Ich sah auf meine Hände. In seine Augen konnte ich nicht mehr sehen, nicht ohne mich zu erinnern...
„Kommst du oder nicht?“
Ich biss mir auf die Unterlippe und setzte mich vorsichtig auf den Rücksitz des Motorrads. Er wartete kurz und deutete ungeduldig: „Du solltest dich festhalten, sonst fällst du runter.“
Zögernd umschlang ich mit meinen Armen seine Taille. Ich spürte keine Funken und kriegte keine Visionen, so beruhigte ich mich ein wenig. Er ließ den Motor an und fuhr langsam den Weg zurück, den wir gestern zu Fuß zurückgelegt hatten. Als wir die Straße erreichten, beschleunigte er, bis die Bäume auf beiden Straßenseiten zu Streifen verschwammen. Ich vergrub mein Gesicht in seinen Rücken, schützte mich vor dem Gegenwind und bemühte mich, nicht daran zu denken, wie warm seine Haut sich auf meiner anfühlte, ohne Hindernisse wie Lederjacke, sein T-Shirt, mein T-Shirt, meine Jacke.
Ich biss mir stärker in die Lippe.
Das war schlimm. Das war sehr schlimm.
***
Nach einiger Zeit hielten wir an, um zu tanken und zu essen. Ich saß in der Nische einer kleinen Cafeteria neben der Tankstelle und beobachtete, wie er das Motorrad tankte. Er blinzelte in der Sonne als der Wind, der uns seit dem Anfang unserer kleinen Reise begleitet hatte, ihm die Haare leicht ins Gesicht blies, bevor die Strähnen sich wieder aufrichteten. Ich lächelte. Seine Haare waren genauso stur wie er selbst.
Was machte ich hier?
Roswell war weniger als 2 Stunden entfernt. Bald wird er alles erfahren und alles wird vorbei sein. Ich weigerte mich, mich wegen meiner Lüge schlecht zu fühlen, weil ich genau genommen nicht gelogen hatte (ich versuche meine Schuld zu mildern). Ich... war einfach nicht in der Lage, diese ganze "Ich-bin-nicht-wirklich-die-vermisste-Außerirdische-Ich-finde-dich-einfach-scharf-und-ich-will-dich-nicht-niemehr-wiedersehen-weil-du-in-mir-Funken-entzündest-jedesmal-wenn-du-mich-zufällig-berührst"-Sache zuzugeben.
Ich sah wieder aus dem Fenster und nippte an meiner heißen Schokolade. Ich bin nur ein hormonell aufgewühlter Teenager. Ich war gerade dabei, seinen Hintern zu mustern. Der war nett. Oh, Gott, wann habe ich mich in einen Jungen verwandelt? Da sieht man, was 24 Stunden ohne Essen außer Tic Tacs und Dr. Pepper und fast ohne Schlaf anrichten können. Es verwandelt dich in einen geilen Bock, das tut es...
Mmm, eine Bockwurst... die käme jetzt gerade richtig...
Ich winkte der Kellnerin und bemühte mich nicht auszuflippen, als sie sagte, dass die Küche noch nicht geöffnet war. Ich bestellte eine Portion Toast und 2 Teller, 2 Messer, 2 Gabeln.
Ich saß da und überlegte, ob ich es ihm sagen sollte, oder ob ich warten sollte, bis er es selbst herausfand, als er mir gegenüber in den Sessel glitt und meiner Tasse zunickte: „Fertig?“
„Nein. Ich hab’ Essen bestellt.“
„Machst du Witze?“
„Hast du ein Problem mit Essen, das nicht aus einem Automaten stammt? Ich verhungere, und du sicher auch.“
„Fein. Aber schnell.“
Die Kellnerin kam zu uns, schob einen der Toasts auf den zweiten Teller und stellte ihn vor ihn.
„Was ist das?“
„Essen.“
„Ich hab’ das letzte Geld für Benzin ausgegeben.“
Ich rollte mit den Augen: „Ich zahle. Gott, iss und lass mich in Ruh’. Es ist noch zu früh.“
„Es ist 11.“
„Am Samstag zu früh.“
Ich biss in meinen Toast und erinnerte mich, dass noch ein paar Zimtbonbons irgendwo in meinem Rücksack sein müssten. Ich fand sie, verteilte sie auf dem Toast und wartete, bis sie in den Sirup eintauchten. Yamm...
„Was ist los mit dir und diesen Dingern?“
Ich zuckte mit den Achseln: „Zimtherzen süß und würzig.“
Er lächelte. Lächelte wow, dazu war er fähig...
Er zog eine kleine Flasche Tabasco-Sauce aus seiner Tasche und besprenkelte damit sein Toast. Dann schaute er mich an und grinste angesichts meines erschrockenen Gesichtsausdrucks.
„Süß und würzig“, sagte er. Er ließ ein paar Tropfen Sauce auf mein Toast fallen. Ich sah, wie die Sauce sich mit dem braunen Ahornsirup vermischte. Es sah ekelhaft aus. Aber es roch gut... Ich biss hinein... Fabelhaft ich lechzte richtig danach.
Ich nahm eine handvoll Zimtherzen aus der Tüte und legte sie auf seinen Teller.
Ich war völlig überrascht, dass ich hier mit einem Alien so einfach frühstückte und dabei keinen Schock erlitt. Ich meine, ich bin schon immer sehr weltoffen gewesen mit einer Mutter wie meiner musste man so sein, aber dies war einfach zu bizarr. Was mir noch bizarrer erschien, war nur die Tatsache, dass ich ernsthaft geglaubt hatte, ich sei auch eine von ihnen (aber, wiederum, mit einer Mutter wie meiner...) Er biss hinein, und ich hörte das Knirschen eines Herzens unter seinen Zähnen. Ich grinste ihn an: „Gut, ne?“
Seine Mundwinkel glitten langsam in ein Halblächeln. „Möglich.“
„Du gehst mir auf die Nerven.“
„Ich bemühe mich.“
„Erzähl mir von Isabel und, oh, Max... Wie sind sie? Wie habt ihr euch getroffen?“
Er schwieg einen Moment, kaute, dachte nach und sagte endlich: „Sie sind perfekt.“
„Perfekt.“
„Ja. Izzy ist wunderschön. Alle denken, sie sei kalt, eine Eisprinzessin aber sie sehen nur ihr Äußeres. Sie ist ganz anders. Sie kann einen bis in den Tod bemuttern. Sie ist streng. Sie ist...” Er zuckte mit den Achseln und nahm einen Biss. „Ich mein’, sie ist Isabel. Sie sorgt sich um uns, und sie gibt mir Rückhalt.“
„Steht ihr beide euch... nah?“
Er runzelte die Stirn und stach die Gabel in seinen Toast. „Ja... Sie ist so was wie meine Schwester...” Er klang unsicher, und mein Herz sank, was eigentlich dumm war. Ich war nicht eifersüchtig. Ich hatte kein Recht darauf.
„Was ist mit Max?”, Ich war bemüht, nicht zu erröten, weil ich mich wieder an meinen blöden Traum erinnerte.
„Er ist klug. Er macht immer das Richtige. Er scheint unfehlbar zu sein... Er ist... er ist gut. Du wirst ihn mögen.“
„Was ist mit dir?“
„Mit mir?“
„Wie bist du?“
Er blinzelte mich an, dann wandte er sich zum Fenster, als wollte er nur sichergehen, dass das Motorrad noch immer dastand.
„Ich bin ein Versager.“
Ich lachte. „Nein, bist du nicht.“
„Nein? Wart' ab und du wirst’s sehen. Wenn wir in Roswell ankommen, wird irgendein Scheiß geschehen, und es wird wie immer mein Fehler sein.“
Ich schüttelte den Kopf, überrascht. Er klang weder bitter noch wütend. Er klang nur müde, als hätte er seine Rolle vor langer Zeit akzeptiert und konnte nichts mehr daran ändern.
„Du bist kein Versager.“
„Woher willst du das wissen?“
„Ich kenne mich gut mit Charakteren aus. Ich meine, abgesehen von deinem Modebewusstsein und deinem Mangel an Organisationstalent-“, ich kratze demonstrativ an einem Mückenstich auf meinem Unterarm, „-und deinem offensichtlichen und abnormalen Drang, mich ständig zu stechen kein Wortspiel! bist du nicht so schlecht. Du bist wie Gewürz für die Seele oder so was in der Art. Du solltest deine ‚Rebell ohne Grund’-Haltung ablegen, dann wirst du dich sicher besser fühlen.“
Er schüttelte den Kopf, und ich denke, er bemühte sich, nicht zu lächeln.
„Du bist verrückt.“
„Danke.” Ich schwieg und sagte dann leise: „Du bist kein Versager. Sonst wär' ich nicht mitgekommen.“
Er grinste. „Du kennst mich noch nicht“.
„Ich kenne dich.“
Wir saßen da, und die Zeit schien stehen geblieben zu sein. Wir sahen uns über unser Tabasco-getränktes und mit Zimtherzen bestreutes Frühstück an und fühlten die Funken, auch wenn wir uns nicht berührten (den Moment, als sein Schuh meinen unter dem Tisch kurz streifte, nicht einberechnet.) Es verging vielleicht nur eine Minute, bis eine mir bekannte Stimme alles ruinierte. „Maria DeLuca, was machst du hier?“
Ich brach aus unserem Blickwechsel aus und erkannte Steven Wilkie einer der vielen Exs meiner Mutter und der Sheriff von Marathon. Scheiße. Was machte er hier? Marathon war Stunden entfernt.
„Sheriff! Was machen Sie hier?!“
„Ich glaube, das war meine Frage.“
„Ähm... nichts wiss’n Sie, ich hänge nur mit meinem Freund herum. Und frühstücke.” Er schaute auf meinen Teller.
„Interessant. Ziemlich weit weg von Zuhause, Maria.“
„Ja, ohne Zweifel.” Ich zwang mich zu einem Lachen, als er zu Michael rübersah. Der saß nur da und starrte mich an.
„Weiß deine Mutter, wo du bist?“
„Ja, sicher, sie weiß es.” Gut, das rutschte mir viel zu schnell raus. Gott, ich bin doch sonst eine viel bessere Lügnerin. Wenn er mich bloß nicht mehr anstarren würde.
„Ich denke, ich nehme dich besser mit nach Hause...“
Ich fühlte Michaels Anspannung, und trat ihn leicht unter dem Tisch, als ich sah, dass er aufstehen wollte. Das Letzte, was wir brauchen konnten, war Wilkie zu verärgern.
„Ja, okay. Ich will mich nur noch von meinem Freund verabschieden. Wir treffen uns dann draußen.” Er sah Michael noch mal an, tippte einwilligend an seinen Hut und ging raus.
Michael sprang auf, packte mich am Arm und zerrte mich aus der Nische in den hinteren Teil der Cafeteria, der zu den Toiletten führte.
„Wir versuchen es durch die Küche...“
„Nein.“
„Nein? Was zum Teufel meinst du mit ‚Nein’?“
Ich atmete tief ein. Ich hatte keine Wahl, ich musste es ihm sagen. Das war die perfekte Gelegenheit, nicht wahr? Vielleicht war es Schicksal, dass der Sheriff aufgetaucht war. Vielleicht zeigte das Schicksal meiner „Bestimmung“ mit den Aliens seinen Stinkfinger. Ich weiß es nicht. Ich war kurz davor loszuheulen. „Hör’ zu“, sagte ich leise und nahm einen tiefen Atemzug, „Ich gehe mit ihm nach Hause.” Er wollte mich unterbrechen, aber ich ließ es nicht zu. „Ich bin nicht sie. Ich bin nicht die Person, die du suchst. Ich kann nicht ‚sie’ sein. Ich wurde geboren, Michael, und ich war ein Baby. Ich kam nicht aus einem... Kokon. Ich war noch nie in der Wüste. Niemals. Ich... ich bin nicht das, was du willst...” Ich endete fast flüsternd und schaffte es endlich, ihn anzusehen. Er sah... schockiert aus. Und danach ungläubig.
„Nein“, sagte er und hielt mich immer noch fest. „Das ist unmöglich. Du musst eine von uns sein. Nasedo und Max, beide-“
„Sie irren sich.“
„Nein.” Er packte meinen Arm fester und zog mich an sich. „Nein. Ich hätte nichts gefühlt, und du hättest keine Visionen gehabt...“
„Vielleicht hast du sie erzwungen, hast du daran mal geda...“
„Du hättest keine Kräfte-“
„Michael, schau“, sagte ich und befreite mich aus seinem Griff. „Ich weiß es nicht ich bin vielleicht telekinetisch, oder psychotisch, oder so was ich weiß nicht, was ich bin, aber ich weiß, ich bin kein... Alien.” Ich trat zurück, bemüht, nicht vor ihm in Tränen auszubrechen. „Ich bin nicht wie du. Ich habe eine Mutter. Eine Mutter, die mich neun Monate lang in sich getragen hat. Ich war ein Baby, ich war ein Kleinkind, ich kam nicht von den Sternen. Du hast dich geirrt.“
Er streckte den Arm nach mir aus, und ich wusste, wenn er mich jetzt zu fassen kriegen würde, würde er mich nicht gehen lassen er würde mich trotz meines Geschreis und meiner Tritte zum Motorrad zerren, wenn nötig. Und ich würde ihn lassen.
Ich wich ihm aus und sagte so garstig, wie ich nur konnte: „Du hast es selbst gesagt, erinnerst du dich? Du bist ein Versager, du hast wieder Scheiße gebaut du hast dich mächtig geirrt. Nur diesmal nicht in Roswell.“
Ich drehte mich und ging raus, ohne zurückzublicken. Ich hasste mich. Ich hatte ihn glauben lassen... Ich hatte zu lange gewartet. Es war mein Fehler, und es musste so enden. Ich hasste, was ich ihm gesagt hatte. Ich wollte nur... sicher sein, dass er mir nicht folgen wird. Ich musste ihn zwingen, mich zu hassen.
Ich war an der Tür, als ich die Hand auf meiner Schulter spürte. Michael drehte mich um und sah mir ins Gesicht. Seine Augen waren kalt.
„Wenn du jemandem davon erzählst, finde ich dich...“
„Ich sage nichts...“, flüsterte ich. „Es tut mir leid...” Ich drehte mich um und lief raus, zu dem Polizeiauto, wo Sheriff Wilkie bereits hinter dem Lenkrad saß. Ich wischte mir die Tränen vom Gesicht, bevor er sie sehen konnte, und stieg ein. Ich blickte nicht zurück.
***
Als ich zu Hause war, konnte ich Steven irgendwie überzeugen, mich nicht bis zur Tür zu begleiten. Ich wusste, er wollte es er liebte meine Mom noch immer (unabhängig davon, dass meine Mom nur mit ihm ausgegangen war, um sich ein paar Strafzettel zu ersparen), aber ich wollte nicht, dass er ihr erzählte, wo ich war und das wäre sicher zur Sprache gekommen. Sie hatte ihn hauptsächlich verlassen (obwohl die Strafzettel aus ihrer Fahrer-Akte gelöscht wurden), weil er unter anderem unter dem Zwang stand (wahrscheinlich, weil er der Sheriff war), seine Bedenken wegen meiner Erziehung auszudrücken. Das darf man alleinerziehenden Eltern nicht sagen besonders nicht meiner Mom. Er würde ihr unbedingt sagen wollen, dass es nicht in Ordnung sei, sich so weit entfernt von Zuhause aufzuhalten, und mit einem Jungen (was schon schlimm genug war). Und wenn sie dann nachgefragt hätte, wo und mit wem ich zusammen gewesen sei, wäre ich doppelt aufgeflogen: Einerseits, weil die Behauptung des Sheriffs, dass meine Mom mich vernachlässigt, untermauert worden wäre, und andererseits, weil ich überhaupt erst mit einem Fremden weggegangen war. Er ließ mich allein nach Hause gehen, nachdem ich ihm eine Geschichte über Michaels Schwester aufgetischt hatte, die ich von einem Ferienlager kennen würde, im Krankenhaus sei und mich sehen wolle. Ihr Bruder habe mich gerade nach Hause gefahren, als er aufgetaucht war, und um Michael nicht weiter aufzuhalten, habe ich sein Angebot dankend angenommen, mich nach Hause zu bringen. Er schien mir zu glauben.
Als ob mich das kümmern würde.
Ich stolperte die Treppen zum Haus hoch und winkte dem Sheriff einmal zum Abschied, bevor ich die Tür öffnete und eintrat. Sie war auch jetzt nicht zu Hause. Alle Lichter waren aus. Gut. Ich wollte sie nicht sehen, ich wollte niemanden sehen. Ich wollte mich in mein Zimmer einsperren und heulen.
Ich fühlte mich leer. Psychisch und physisch völlig ausgebrannt. Ich fiel auf das Bett und starrte an die Decke, auf die kleinen fluoreszierenden Sternchen dort oben. Ich dachte an letzte Nacht, als ich neben ihm in der Dunkelheit gelegen hatte, und wie ich in seinen Armen aufgewacht war. Ich würde ihn nie wieder sehen.
Ich würde nie Max oder Isabel oder diesen Nasedo-Burschen treffen.
Ich würde nie mit Michael in die Wüste gehen.
Er hasste mich.
Ich hasste mich selbst, weil ich ein normales, durchschnittliches Mädchen war, das bloß das Glück oder eben das Unglück hatte, 48 Stunden lang etwas Außergewöhnliches zu erleben.
***
Meine Mom kam etwa um elf Uhr dreißig nach Hause, und ratet mal was passiert war. Sie traf Steve bei ihrem Akupunkteur. Steve findet Akupunktur lächerlich und pflegte meine Mom deswegen zu nerven, also was suchte er dort? Wollte er vielleicht bei ihr Pluspunkte verdienen mit seiner Sorge um mich? Bastard. Wäre ich ein Alien, ratet mal, wessen Gehirn ich als Erstes schmelzen würde.
Ich lag im Dunkeln, wollte einschlafen und fürchtete mich davor, dass ein weiterer Traum von Max oder Michael meinen Verstand vollständig und unwiderruflich ruinieren würde, als meine Mom wie eine Drama- Königin (jetzt wisst ihr, woher ich das habe) in mein Zimmer platzte und sagte: „Heute sah ich Steve, und er sagte, er fand dich sechs Stunden entfernt in einer Cafeteria, bei einem merkwürdigen Essen, mit einem jugendlichen Verbrecher. Maria“ es folgte eine lange, dramatische Pause, „stehst du unter Drogen?“
Ich wollte lachen. Ich wollte schreien. Ich wollte sie daran erinnern, dass sie bis ich 10 Jahre alt war selber Gras für „therapeutische Zwecke“ hinter dem Haus angezogen hatte. Ich frage mich, was Sheriff Steve davon gehalten hätte.
„Mom, ich stehe nicht unter Drogen. Er ist kein jugendlicher Verbrecher, und es war eher 5 Stunden entfernt.” Sie fing an, auf mich einzureden, wie sie es immer tut, wenn sie aufgebracht oder verwirrt ist, oder nicht die Antwort bekommt, die sie erwartet hatte die Antwort auf alles, was ich (oder irgendjemand auf diesem Planeten) jemals getan habe, um sie in Verlegenheit zu bringen oder wütend zu machen oder sie zu enttäuschen. So nahm ich wie immer meine „Charlie Brown“-Haltung ein, so dass alles, was sie sagte, zu einem „wha-whu-wha“ wurde, und nur gelegentlich „Maria“ durch den Saure-Mom-Filter drang.
Sie nimmt meine verantwortungslosen Taten immer so persönlich, und ich versuche sie immer damit zu beruhigen, dass ich eben ein Teenager sei. Aber sie fällt darauf nicht rein, weil ich anscheinend eine „alte Seele“ habe und es besser wissen sollte. Inzwischen versuche ich nicht einmal mehr, mich zu verteidigen oder zu entschuldigen.
Sie hielt an, um Luft zu holen, und ich schrie zur Decke: „Ja! Ich hab's getan! Ich habe mit einem jugendlichen Verbrecher auf dem Rücksitz eines Motorrads gebumst, und dann fanden wir eine Cafeteria und haben es auf der Theke zwischen Kasse und Zitronentorte getrieben!“
Für eine halbe Minute verschlug es ihr die Sprache.
„Das ist nicht lustig, Maria“, sagte sie dann und verließ mein Zimmer mit einem Türknall. Ich war über ihren Abgang nicht beunruhigt. Ich war dankbar. Sie würde mich wenigstens für ein paar Tage alleine lassen um deutlich zu machen, wie sehr sie auf mich wütend war. Donnerstag würden wir dann „Friends“ schauen, kichern und so tun, als hätten wir uns nie gestritten.
Gewöhnlich würde ich hier liegen und mich schuldig fühlen, weil ich sie glauben ließ, sie sei eine schlechte Mutter, dass sie ein Kind erzogen hatte, das dumm genug war, ihre eigenen Fehler zu wiederholen. Aber diesmal nicht. Diesmal war ich damit beschäftigt, einen Metallkasten zu erzeugen, der groß genug war, um alle Ereignisse der letzten 48 Stunden einzuschließen von dem Moment an, als unsere Augen durch das Fenster aufeinander trafen, bis zu dem Moment, als ich ihm in der Cafeteria den Rücken zukehrte. Ich konnte die Seiten des Kastens so hoch ziehen, dass alles reinpasste aber den Deckel konnte ich nicht schließen. Ich rollte mich auf die Seite und schaute aus dem Fenster. Es wurde langsam dunkel. Die Sterne kamen zum Vorschein.
Ich fragte mich, ob er sie auch sah.
***
Seit ich ihn das letzte Mal sah sind fast 2 Monate vergangen. Ich versuchte, nicht an ihn zu denken. Ich versuchte, mich nicht zu fragen, ob er gefunden hatte, wonach er suchte, ob sie und er und Max und Isabel irgendwo in der Wüste ein Ritual feierten, oder nach Hause telefonierten, oder auf Nasedo warteten. In dieser Zeit hatte ich insgesamt fünf Träume. Vier von Max und einer von ihm. Ich erinnere mich nur schlecht an die Träume von Max (vermutlich habe ich sie bestmöglichst aus dem Gedächtnis verdrängt), nur daran, dass sie alle dem ersten Traum ähnelten.
Der eine von Michael war anders. Die Farben waren nicht so grell, die Kontraste nicht so extrem, und ich konnte hören in der Wüste mit Max war immer Stille. Dieser fühlte sich anders an, kontrollierbarer.
Ich traf bewusst die Entscheidung, die Stufen zu erklimmen und die Tür zu öffnen. Drinnen war es dunkel Es war eine kleine Wohnung, die Wände waren unscharf. Zu meiner Rechten sah ich die undeutlichen Konturen einer Küchentheke, und links vorne eine braune Couch und ein Fenster, vor dem ein Vorhang hing. Die aufgehende Sonne schien durch und brachte das leichte, purpurne Muster zum Glühen. Irgendwo spielte leise Musik, und er stand allein im Zimmer. Als sich die Tür mit einem sanften Klicken hinter mir schloss, drehte er sich zu mir um, überrascht und nicht überrascht. Er kam langsam auf mich zu. Ich konnte seine Gefühle spüren, seine Verwirrung, seine Angst, seine Sorge. Ich konnte fühlen, dass er sich wünschte, mich zu berühren.
Opened my eyes,
the fire had come
Er hielt den Atem an, und wir konnten nun die Funken sehen, die wie ein Feuerwerk zum Vierten Juli zwischen uns und um uns herum das ganze Zimmer beleuchteten.
Not for the end of days,
not for the faithless ones
not for vision understood
burns because it has to burn
change'll happen whether we
are still or moving
Er streckte sich zuerst nach mir aus.
Breathe in waves of doubt
Er nahm mein Gesicht in seine Hände.
Bitter in your mouth
Er hob es für einen Kuss an.
You will exhale cinnamon clouds
Wir hielten einander, und ich konnte nicht atmen. Ich fühlte, wie ich fiel, selbst als er mich anhob. Ich hörte ihn meinen Namen flüstern, ich fühlte die Wärme seiner nackten Haut auf meiner. Ich schloss die Augen, und die Funken kreisten langsam in der Luft wie Glühwürmchen.
When it is quiet and still
I can feel older here
Change what I can and pray
the hope will not disappear
when we are not denying anything
nothing is an enemy
delicately balancing
the perfect world
Meine Finger waren in seinen Haaren, und seine zogen zärtliche Kreise auf meinem Rücken, während er eine flammende Linie von einer Schulter zur anderen küsste.
Ride these waves of doubt
Usere Zungen trafen aufeinander, als er die Lippen von meinem Hals zu meinen Lippen bewegte.
Bitter in your mouth
Ich hielt ihn so fest, dass ich nicht mehr wusste, wo sein Körper endete und meiner begann.
You will exhale cinnamon clouds
ooh little heaven, little heaven
ooh little heaven, little heaven
Wir knieten uns gegenüber auf den Boden, und ich zog sein Hemd über den Kopf. Er schob die Träger meines Oberteils von meinen Schultern, und ich hatte keine Angst, ich hatte keine Zweifel, weil ich wusste, dass es ein Traum war, und in diesem Traum hielt er mich für wunderschön. So wunderschön, wie ich ihn fand.
Wir sanken auf den Boden, sein Körper herrlich schwer auf meinem.
Riding waves of doubt
Ich ließ ihn mich streicheln.
Turns me inside out
Ich ließ ihn mich lieben.
And I will exhale a primal shout
Und ich liebte ihn.
Ooh little heaven, little heaven
Ooh little heaven, little heaven
I understand
the fire will come…
ooh little heaven, little heaven
not for the strength of will
or passion of anyone…
ooh little heaven, little heaven
I understand
the fire will come…
ooh little heaven, little heaven
not for the end of days
not for the faithless ones…
Ich wachte auf, zitternd, ihn immer noch fühlend. Mein Zimmer war leer und kalt, erfüllt nur mit dem Geräusch meines Atems.
Es war so real gewesen. Ich hatte seinen Atem gehört, ich hatte das Rasen seines Herzen unter meinen Fingern gefühlt, ich hatte jede Berührung gespürt, jeden Kuss, das Gewicht seines Körpers auf meinem in der Dunkelheit, erleuchtet durch flammende Sterne, die von der Decke regneten.
Ich versteckte mein Gesicht in zitternden Händen und versuchte zu vergessen.
***
Ungefähr eine Woche nach dem Traum wurde meine Mutter angerufen. Wir sahen unseres Donnerstags -Pflichtprogramm im Fernsehen, aßen mitgebrachtes Essen und stritten darüber, ob Goran Visnjic geiler aussah als George Cloony (ich war dafür, sie dagegen) und genossen grundsätzlich diese momentane Normalität, als das Telefon klingelte. Ich hob ab und reichte den Hörer meiner Mutter ohne selber zu antworten, denn mich rief nie jemand an. Sie sagte „Hallo“ und ihr Gesicht erbleichte.
„’Tag, Mom.“
Meine Großmutter hatte uns nicht mehr angerufen, seit ich ein Baby war. Ich habe sie nie getroffen. Ich weiß nicht einmal, wie ihre Stimme klingt. Mom erhob sich von der Couch, verschüttete fast den Karton mit den Nudeln und ging in ihr Schlafzimmer. Sie schloss die Tür vorsichtig hinter sich. Ich rannte in die Küche, um am anderen Apparat zu lauschen.
Großmutter Elizabeth rief aus Roswell an. Wie waren die Chancen? Mein Magen drehte sich in Erwartung - vielleicht hassten mich mein Schicksal und meine Bestimmung schließlich doch nicht. Vielleicht hatte meine Großmutter meiner Mom vergeben, dass sie weggelaufen und mit 16 schwanger geworden war, vielleicht wollte sie uns einladen. Vielleicht wollte sie mich sehen. Ich wollte schon immer wissen, wie meine Großeltern sind, weil meine Mom nie über sie redete.
Vielleicht werden wir sie besuchen, und ich werde Michael wiedersehen. Vielleicht wird er für einen Moment vergessen, dass er mich hasst, und mich Max und Isabel vorstellen. Vielleicht wird er mich anlächeln und sagen, dass die vermisste Außerirdische noch nicht gefunden wurde, und ich, solange ich da sei, für sie einspringen könnte.
Meine Mom kam zurück ins Zimmer, ihre Finger waren an die Lippen gepresst, und der schnurlose Hörer an ihre Brust gedrückt. Ich sah all meine freudigen Erwartungen verschwinden. Etwas Schlimmes war passiert. Sie setzte sich neben mich, mit feuchten Augen.
„Mom..?“
„Dein Großvater ist sehr krank, Liebes er ist schon länger krank, und deine Großmutter kann sich nicht alleine um ihn kümmern. Sie will, dass wir zu ihr fahren und ihr helfen, bis sie ein Heim für ihn gefunden hat.“
Ich sah, wie sie tief und zittrig einatmete, legte meine Arme um sie und hielt sie, bis sie endlich in Tränen ausbrach.
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.
„Schon in Ordnung, Mom“, war alles, was ich herausbrachte.
„Ist das in Ordnung, Maria? Wirst du nicht auf mich sauer sein, wenn wir dort eine Weile leben werden?” Ich biss mir auf die Lippen und riss die Augen auf. Meine Mom weinte nie. Ich weiß, dass es ihr wichtig war.
„Was auch immer du tun willst, Mom...“
„Bist du sicher... Liebes, wirst du deine Freunde nicht vermissen..?“
„Welche Freunde?” Darauf weinte sie wieder los, und ich fühlte mich schuldig. „Ich meine, Mom-“, sagte ich mit einem erzwungenen Lachen und drückte sie fester an mich, „Ich habe Freunde... Wir können uns schreiben oder uns besuchen ist nicht so wichtig.“
„Du wirst in eine neue Schule gehen müssen...“
„Mom, ist schon in Ordnung. Es stört mich nicht. Ich wollte schon immer Oma und Opa sehen. Außerdem...“, sagte ich, um sie zu erheitern, „kann ich endlich den Job im ‚Starbuck’ schmeißen.“
„Jaha“, murmelte sie und lächelte schief.
„Jaha“, stimmte ich zu und lehnte meine Stirn an ihre.
***
Ich ging den Gehsteig entlang, ohne zu wissen wohin. Ich musste einfach aus dem Haus raus. Die Spannung drinnen war nicht auszuhalten. Oma schien nett zu sein, aber wir waren beide überzeugt, dass sie noch immer über meine Mutter verärgert war (mein Gott, ich hoffe, zwischen uns wird nie so was passieren. Ich meine, wir streiten uns die ganze Zeit, aber wir verzeihen einander auch immer), und Opa erkannte sie nicht. Er nannte mich Amy und fragte, wer mein Freund sei. Sie versuchte so zu tun, als würde es ihr nichts ausmachen, als würde sie es verstehen, weil er krank ist, aber manchmal hörte ich sie nachts im Badezimmer, sie weinte und ließ das Wasser laufen, um es zu vertuschen. Meine Mom ist keine melancholische Person, und es liegt nicht in ihrer Natur... Es ist so... es ist wirklich schwer, sie so zu sehen und nicht helfen zu können.
Wir suchten ein Haus oder wenigstens eine Wohnung in der Nähe meiner Großeltern. Meine Mom übernahm den Laden meiner Oma, in dem Alien-Souvenirs und anderes Touristenzeug verkauft werden, und ich suchte in der Stadt wenn man das überhaupt so nennen kann nach einer Arbeit. Hier gab's nicht viel. Es schien so, als ob jeden Moment ein rollender Busch die Straße entlang wehen würde. Allerdings war es noch ziemlich früh, vermutlich waren deshalb keine Menschen unterwegs.
Ich näherte mich dem UFO-Center und überlegte kurz, reinzugehen und nach Arbeit zu fragen, aber dann entschied ich mich dagegen als ich durch das Fenster ein lebensgroßes Schaubild ausmachte, in dem Chirurgen einen auf einer Trage ausgestreckten und gefesselten Alienkörper zerschnitten. Mich grauste es, und ich stolperte davon.
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite war ein Café, das irgendwie lustig aussah. In der Vorderseite steckte zur Hälfte ein UFO. Das Crashdown Café. Ich musste lächeln. Ich glaubte nicht, dass es hier irgendeine Chance auf einen Job gab, der nichts mit Aliens zu tun hatte. Ich überquerte die Straße und sah einen Aushang im Fenster, auf dem eine kleine Alienfigur mit Schürze und Serviertablett gezeichnet war. Der Text lautete: „Kellnerin gesucht“.
Kellnerin gefunden. Ich drückte die Tür auf und nahm die Stellenanzeige aus dem Fenster. Das Lokal war ziemlich leer, nur einige Gäste hier und dort, und die einzige Angestellte saß an der Theke und las ein Buch. Ich ging zu ihr, hob die Anzeige und fragte: „Hi, suchen Sie noch immer eine Kellnerin?” Das Mädchen schaute vom Buch auf und lächelte.
„Ja! Dieser Zettel hängt schon seit einer Ewigkeit, und bisher hat sich niemand darauf gemeldet. Ich bin Liz.” Sie streckte mir ihre Hand entgegen, und ich schüttelte sie, von ihrer Professionalität ein wenig überrascht. Sie war etwa im gleichen Alter wie ich. „Dieses Café gehört meinem Vater. Er ist jetzt nicht da, aber wenn du willst, kannst du schon den Fragebogen ausfüllen, da hinten.“
„Klingt gut.” Ich folgte ihr hinter die Theke in ein kleines Zimmer neben der Küche. „Bist du neu in der Stadt?”, fragte sie, als sie in einem Aktenschrank nach dem Fragebogen suchte.
„Ja meine Mom und ich sind gerade zu meinen Großeltern gezogen Elizabeth und George DeLuca.“
„Oh, die DeLuca!“, Liz lächelte und reichte mir das Blatt. „Ich kenne deine Oma sie kam ab und zu mit deinem Opa hierher sie mochten unseren Will Smith Burger sehr. Wie geht’s ihnen?” Sie blies eine Staubwolke vom Papier und musste niesen. „Wir kriegen nicht viele Bewerber“, erklärte sie lachend und übergab mir das Blatt. Ich schmunzelte.
„Meiner Oma geht's gut aber meinem Opa geht es nicht besonders.“
Ihr Gesicht bewölkte sich, und die Mundwinkel glitten langsam nach unten. „Tut mir leid“, sagte sie ehrlich, „ich bin sicher, er freut sich, dich zu sehen.” Ich lächelte, als ich daran dachte, wie seine Augen sich öffneten, wenn wie reinkamen. Er wusste zwar nicht, dass ich seine Enkelin war, aber er war glücklich, weil er dachte, dass er meine Mutter sah. „Ja, das tut er.“
***
Liz ließ mich alleine im Hinterzimmer, um die Papiere auszufüllen. Ich freute mich bereits darauf, hier zu arbeiten. Ich fragte sie, wie es hier zuginge, und sie meinte, es sei wirklich „cool“, der einzige Nachteil seien die Uniformen. Ich lachte und sagte, dass mir die Schürzen und die Antennen gefielen.
Liz war sehr lieb. Vielleicht würden wir Freundinnen werden. Ich erlaubte mir kurz vorzustellen, wie ich mit ihr im Einkaufszentrum rumhing, mit ihr lernte oder mit ihr beim Eisessen über Jungs tratschte so wie ich mir immer eine Freundin in Marathon gewünscht hatte. Vielleicht könnte ich sie über Michael, Max und Isabel befragen. Vielleicht kannte sie sie. Vielleicht waren sie Freunde.
***
Als ich fertig war und ins Café zurückging, war der Raum voll. Ich suchte nach Liz und fand sie mit einem Tablett voller schmutzigem Geschirr. „Hast du keine Aushilfe für heute?“
„Eigentlich sollte Agnes hier sein, aber sie ist der Hauptgrund für die Anzeige. Sie verschwindet immer wieder auf unbestimmte Zeit, und gewöhnlich bin nur ich hier, manchmal auch mein Freund Alex, wenn es wie heute zu heftig wird...“
„Ich könnte jetzt anfangen“, bot ich an, „dein Vater ist zwar nicht da, um das hier zu prüfen“ ich winkte mit dem Fragebogen „aber es sieht so aus, als würdest du Hilfe brauchen.“
„Bist du ganz sicher?“
„Ich habe nichts vor außerdem, du gehst hier unter.“
Liz schenkte mir ein dankbares Lächeln und sagte, dass sie mir eine Schürze und einen Bestellungsblock gibt, sobald die Teller weggeräumt seien.
***
Die Mittagszeit war der reinste Horror. Um etwa halb drei wurde es ruhiger, und Liz ging ins Lager um zu prüfen, ob es für den Rest der Woche noch genug Hühnerfilet gab. Ich wischte gerade die Theke ab, nachdem irgendein widerwärtiges Kind seinen Shake verschüttet hatte, als jemand sich mir gegenüber hinsetzte. Ich schaute auf und sah in ein Paar leuchtend blauer Augen. Vor mir saß ein dunkelhaariger Junge, der die Speisekarte auf seiner Handfläche balancierte und mich anlächelte.
„Hi“, sagte er, „bist du neu hier?“
Ich lächelte zurück. „Ja, heute erst angefangen."
„Cool. Ich bin Alex, ich bin ein Freund von Liz.” Er reichte mir seine Hand, und ich schüttelte sie.
„Maria“, sagte ich. Er sah gut aus.
„Du wirst mich hier öfters sehen ich lebe von diesem Essen...“
„Kann ich dir was bringen?“
„Siiicher... ich krieg’ne Orange Soda.” Ich nickte, wischte ein letztes Mal über die Theke und füllte ein Glas an der Soda-Maschine.
„Suchst du Liz?“
„Ja, ich hab’ne Frage am Montag haben wir diesen enormen Geographie-Test, und Liz ist sehr gut darin.“
Ich stellte das Glas vor ihn hin. „Sie macht hinten eine Bestandsaufnahme, aber sie kommt bald zurück.“
„Ich kann warten“, sagte er und nahm einen Schluck. „Also bist du gerade erst hierher gezogen?“
„Ja meine Mom und ich wir haben Verwandte hier.“
„Dann willkommen in Roswell. Wie gefällt es dir bisher? Ziemlich langweilig, ne?“
Ich lachte. „Ich komme aus Marathon, da ist es fast wie hier, bloß weniger Alienzeug. Ich fühle mich, als würde ich hier bereits alles kennen.“
„Wirklich? Du bist aus Marathon?” Er klang überrascht.
„Jaha.“
„Cool kannst du singen?“
Ich lachte bei diesem abrupten Themenwechsel. „In der Dusche, und wenn ich alleine im Auto bin mit dem Radio warum?“
„Ich bin in dieser Band...“, sagte er und zog ein zerknittertes Blatt aus seiner Tasche, „mit dem Namen ‚The Whits’ mein Nachname ist Whitman, deshalb heißt sie Whits mit ‚Wh’...“
„Niedlich“, sagte ich, und er grinste.
„Ja, denk’ ich auch. Unser Sänger will alleine auftreten, also suchen wir gerade ’ne Vertretung, und wenn du interessiert bist und vorsingen willst, lass es mich wissen. Weißt du, ich versuche eine alternative Garagenband-Bewegung hier zu starten, in Roswell...” Ich hörte zu, wie er erklärte, warum diese Idee die Welt erschüttern würde, lachte, und stimmte ihm zu. Alex war wirklich toll. Ich dachte, es wird mir wirklich gefallen, hier zu leben.
„Hey, Alex.“ Liz kam zu mir hinter die Theke. „Ihr kennt euch bereits?“
„Ja ich erkläre gerade, wie super es wäre, wenn Roswell ein neues Seattle sein könnte...“
„Hat er dich schon wegen eines Vorsingens gefragt?” Liz drehte sich zu mir und grinste. „Ich denke, er ist völlig verzweifelt er hat mich gestern gefragt, und er weiß, dass ich nicht singen kann...“
„Ich lasse keine Möglichkeit aus“, stimmte er zu. „Oh, Liz. Ich habe eine Frage wegen dieses Geographie-Tests am Montag...” Liz runzelte kurz die Stirn, lächelte, und er sah sie bedeutungsvoll an: „Ich habe eine Frage über die Tschechoslowakei...” Liz’ Augen weiteten sich ein wenig.
„Oh, ja, sicher.” Sie drehte sich zu mir: „Maria, ich danke dir für deine Hilfe heute, aber du kannst schon nach Hause gehen, wenn du willst abends ist mein Vater hier, und es scheint ziemlich ruhig zu sein. Ich gebe dir meine Nummer, und wir können heute abend deine Schichten und so besprechen, oder du kommst einfach morgen früh vorbei, und wir organisieren alles ich habe wahrscheinlich bis dahin sogar einen von diesen lieblichen grünen Kitteln für dich gefunden.“
Sie lächelte breit, aber ich war ein wenig überrascht.
„Gut“, sagte ich, „klingt gut ich hol’ nur meine Sachen...“
Ich verließ die Theke und ging ins Hinterzimmer. Das war merkwürdig. Mir wurde gerade eindeutig zu verstehen gegeben, dass ich verschwinden sollte. Ich entschied mich, das nicht persönlich zu nehmen sie hatten halt was Wichtiges zu besprechen. Ich wollte gerade die Tür öffnen, als ich Alex hörte „Isabel ist nicht schwanger...“
„O, Gott sei Dank!“
„Ja. Nasedo kam im Traum zu ihr und sagte, dass es nur ‚die Dinge in Bewegung bringen soll’, es sollte ihnen zeigen, wie sich die Dinge zu entwickeln haben...“
„Wie geht’s ihr?“
„Sie ist erleichtert... aber sie sagt, Michael schien... traurig zu sein.“
Michael? Michael und Isabel.
„Traurig?“
„Ja... im Traum... sie sagt, sie hätte ihn noch nie so glücklich gesehen...“
„Alex... Michael liebt Isabel nicht... and Isabel ist an dir interessiert... sie hat dir das doch gesagt, oder?“
„Ja... aber... wenn Nasedo die Wahrheit sagt? Was, wenn es ein Teil ihrer Bestimmung ist und... wir haben nichts damit zu tun..?“
„Ich glaube das nicht, Alex.“
Sie schwiegen einen Moment. Ich fühlte mich wegen des Lauschens schuldig, aber ich konnte mir nicht helfen. Ich denke, ich hätte mich auch nicht von der Tür wegbewegen können, wenn ich es gewollt hätte. Ich war wie eingefroren.
„Was ist mit Max? Hat er weitere Träume gehabt?“
„Von Zeit zu Zeit hat er einen... Und ich bin nicht eifersüchtig oder so... Ich meine, wir wissen nicht einmal, ob dieses Mädchen existiert, oder ob Nasedo vielleicht bloß mich und Max trennen will... Michael hat sie nicht dort gefunden, wo Nasedo sie vermutet hat... Max liebt mich, und ich liebe ihn und nichts kann das ändern, weder Nasedo noch irgendein Mädchen, ob es nun existiert oder nicht... Jeder wählt seine Bestimmung selbst ich glaube fest daran. Ich werde Max wählen... und ich denke, er wird mich wählen...“
Ich konnte nicht mehr zuhören. Ich stieß die Tür auf und versuchte so schuldlos und ahnungslos wie möglich auszusehen, während ich meine Jacke zuknöpfte.
„Ich konnte euer Badezimmer nicht finden...” Ich lachte. „Ich habe mich in die Toiletten und den Lagerraum verirrt.“
„Oh, ja...” Liz kicherte ein wenig atemlos. Ihre weichen braunen Augen schienen. „Ich vergaß dir zu sagen, dass du den verwirrenden Korridor runtergehen musst...“
Ich lächelte sie an. „Nun gut. Ich gehe dann lieber... bis morgen?“
„Ja. Und wenn du früher kommst, können wir zusammen frühstücken? Unsere ‚Fliegende Untertasse’-Palatschinken sind die besten in New Mexico...“
„Klingt gut...“
„Schön, dich kennen gelernt zu haben, Maria“, grinste Alex, „ich werde dich vermutlich morgen hier sehen.“
Ich lachte. „Auch schön, dich getroffen zu haben...“, ich winkte, stieß die Tür auf und stolperte auf den Gehsteig, völlig krank.
Isabel hatte Angst vor einer Schwangerschaft... mit Michael... sie hatten Sex gehabt... sie waren zusammen... „wie eine Schwester“, du Arsch... Das ist doch blöd... ich kann nicht eifersüchtig sein... Ich habe kein Recht dazu... Michael hasst mich... warum kann ich ihn nicht vergessen...Gott, ich kannte ihn nur zwei Tage... warum kann ich nicht vergessen... warum will ich ihn so gerne sehen... warum hatte ich diesen Traum... diesen wunderbaren Traum, der sich so real anfühlte... wo ich mich verstanden fühlte, begehrt... geliebt... es war nur ein Traum... ein blöder Traum... nur ein blöder Traum, wie der von Max... die bedeuten alle nichts...
„Oh, mein Gott...” Ich rannte auf dem Gehsteig in jemanden, und der Schwung warf uns beide zu Boden. Ich öffnete die Augen, um zu sehen, wo ich gelandet war. Ich starrte in seine Augen. Wunderschöne tiefbraune Augen, die sich weit öffneten, als sie mich sahen. Ich vergaß zu atmen. Es war er. Es war wirklich er. Max.
Ich sprang auf die Füße und trat von ihm zurück. Ich stolperte fast über meine Geldbörse, und er gab sie mir.
Seine Finger umwickelten mein Handgelenk, und seine nackte Haut lag auf meiner. Das war genug. Ein Strom von Bildern Bildern aus den Träumen, die ich zu blockieren versucht hatte kam über mich, machte mich schwindelig. Wie sprangen voneinander weg, und durch seinen schockierten Blick wusste ich, dass er das Gleiche gesehen hatte. Wir waren beide am ganzen Körper erschüttert. Wir zitterten beide.
„Du bist es...” Gott, ich wollte da nicht noch einmal durch. Ich öffnete meinen Mund, um ihm zu widersprechen, aber ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich konnte nicht einfach losschreien: „Ich bin kein Alien!“ und weglaufen. Ich konnte nicht abstreiten, dass ich die gleichen Träume wie er hatte. Ich konnte nicht abstreiten, dass ich die Verbindung zu ihm gespürt hatte, als er mich berührte, und ein Teil von mir „Ja“ geschrieen hatte, und ein anderer Teil ein genauso lautes „Nein.” Ich neigte mich zu ihm, so dass niemand zuhören konnte, und ich wusste, dass er genau wie ich am liebsten weglaufen wollte. „Ich bin nicht sie... Bin ich nicht. Das ist unmöglich.” Ich begann mich zurückzuziehen, und als er mich anhalten wollte, rannte ich weg.
***
Ich rannte den ganzen Weg bis zum Haus meiner Großeltern. Ich ging nach hinten und fiel auf den Verandastufen in ein zitterndes Häufchen zusammen. Ich wusste, dass ich früher oder später auf einen von ihnen treffen werde. Ich wusste, dass Max mein Gesicht erkennen wird, falls Michael die Wahrheit erzählt hatte dass Max auch von mir träumte.
Aber ich konnte nicht ahnen, was geschehen würde, wenn er mich berührt dass ich seine Träume sehen würde, sehen würde, wie sehr sie meinen glichen, und dass ich wieder das Gleiche fühlen würde, was ich in den Träumen gefühlt hatte was er gefühlt hatte... ein Begehren mit dem Beigeschmack von Abscheu und Verzweiflung darüber, dass wir uns nicht unter Kontrolle hatten.
***
Ich ging nicht zum Frühstück mit Liz am nächsten Morgen. Sie rief mich am Abend an, und wir erstellten meinen Dienstplan. Ich wollte nicht ins Crashdown gehen, nicht früher als unbedingt notwendig, weil ich ziemlich sicher sein konnte, dass Max dorthin unterwegs gewesen war, als wir ineinander gerannt waren. Es wäre zwecklos, den Job zu schmeißen (obwohl ich wusste, dass ich sie dort sehen werde, weil sie offensichtlich mit Liz und Alex befreundet waren). Wenn nicht im Crashdown, dann würde ich sie eben in der Schule sehen es war unvermeidlich.
Ich war nervös wegen des nächsten Zusammentreffens mit Max, und je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr Angst hatte ich, Michael zu sehen.
Es gab so viele Fragen... sie schwirrten in meinem Kopf rum, und ich konnte nicht klar denken. Es machte keinen Sinn, dass Max und ich voneinander träumten, dass Nasedo Michael meine Adresse gab... dass Nasedo überhaupt etwas von mir wusste. Ich kannte keine Antworten zu den Fragen, die sie mir beim nächsten Zusammentreffen stellen würden. Alles, was ich wusste, war, dass ich keine von ihnen war. Ich bin kein Alien, und der einzige Grund für meinen Aufenthalt in Roswell war die Krankheit meines Großvaters und nicht, weil die „Bestimmung“ oder das „Schicksal“ es so vorschrieben, nicht weil die Sterne es so wollten. Nicht weil ich es so wollte.
***
Ich war fast fertig mit der Abendschicht, als sie ins Crashdown kamen. Max, Isabel und Michael. Ich fühlte sie eher als ich sie sah. Der Luft änderte sich. Sie wurde elektrisierend. Ich gab meinem letzten Tisch die Quittung und schnappte Liz’ Arm, als sie gerade zu ihrem Tisch gehen wollte. „Meinst du, ich könnte heute früher gehen? Meine Schicht endet in 5 Minuten, aber ich habe heute kein Auto, und will nicht im Dunkeln spazieren...” Lahm, ich weiß, aber Liz lächelte nur und gab mir die Hand. „Kein Problem. Bis morgen...“
Ich lief zum Aufenthaltsraum, um meine Uniform auszuziehen. Ich hatte gefühlt, wie Michael mich die ganze Zeit angestarrt hatte, als ich mit Liz sprach, und ich hatte gefühlt, wie seine Augen mir ins Hinterzimmer des Cafés gefolgt waren.
Ich nahm meine Schürze ab, warf sie in den Spind und knöpfte schnell mein Kleid auf. Ich streifte es hastig ab und warf es zur Schürze und zu den Antennen. Es würde morgen höllisch zerknittert sein, aber ich musste hier raus. Ich zwang mich in meine Jeans und hatte gerade den Reißverschluss hochgezogen, als die Tür aufflog.
BittelassesLizseinbittelassesLizseinbitte...
„Was zum Teufel machst du hier?“
Scheiße.
Wo verdammt noch mal ist mein Shirt?
„Mich anziehen...“, sagte ich mit bemüht ruhiger Stimme, als ich mein Shirt endlich fand und über mich zog. Ich drehte mich um, um ihn anzusehen, und sobald ich das tat, wurde mir klar, was für eine blöde Idee das gewesen war. Er stand vor der Tür, die Hände in den Hosentaschen, und sah mich finster an. Er klang nicht so wütend, wie ich es erwartet hatte. Und seine Augen... oh, mein Gott, diese Augen, die mich angesehen hatten, als wäre ich das Einzige auf der ganzen Welt, die jeden Zentimeter meines Körpers in sich aufgenommen hatten, bevor seine Finger ihn berührt hatten... in meinem Traum. Diese Augen musterten mich, als ob sie mich zerlegen wollten, um zu sehen, wie ich funktionierte. Ich schluckte und meine Knie fingen an zu zittern. Er wandte sich plötzlich ab uns sah durch das Glasfenster ins Café.
„Sie wissen nicht, dass ich dich in Marathon gefunden habe. Ich habe sie belogen. Du sagst besser heute das Gleiche.“
„Heute?” Ich bekam keine Luft.
„Ja. Wir gehen raus in die Wüste wir alle. Wir treffen Nasedo.“
„Michael... ich sagte schon... Ich bin nicht wie ihr...“
Er kam auf mich zu, und ich schritt zurück bis mein Rücken auf Liz’ Schrank stieß. Er trieb mich in die Falle, wie er es auch in meinem Zimmer getan hatte, in der Nacht, als er mich sie in der Höhle sehen ließ.
„Hast du deine Mom irgendwann nach deinem Vater gefragt? Woher er kam, wer er war?“
Was zum Teufel...
„Michael...“, fing ich warnend an.
„Vielleicht solltest du das“, unterbrach er mich. Seine Augen waren so kalt. „Nimm dein Zeug, wir gehen.“
„Nein.“
„Nein?“
„Was glaubst du eigentlich, wer du bist, dass du mir befehlen kannst? Ich bin nicht wegen dir in Roswell, oder wegen Max oder Isabel oder Nasedo. Ich bin hier, weil ich es muss, weil ich eine Familie hier habe, die mich braucht, also versuch’ nicht mich einzuschüchtern. Ich will nichts mit dir oder deinen Freunden zu tun haben. Ich bin kein beschissener Alien. Ich bin eine beschissene Kellnerin, und meine Schicht ist vorbei. Ich gehe heim!“ Er machte mir Angst diese ganze Scheiße machte mir Angst... Ich kann kaum glauben, dass ich so viel Zeit verschwendet habe, über diesen Moment nachzudenken, über ihn nachzudenken...
Ich wollte um ihn herumgehen, aber er versperrte mir den Weg.
„Ich hab’ dich schon einmal heimgehen lassen. Das tue ich nicht noch einmal. Ich kann nicht... Maria...” Ich habe ihn noch nie meinen Namen aussprechen gehört. „Es wird dir nichts Schlimmes passieren ich verspreche es... wir wollen nur herausfinden, was das Ganze soll. Nasedo kommt heute nacht zurück, wegen dir... ob du nun eine von uns bist oder nicht, du steckst mittendrin, und wir können nichts dagegen tun, also bitte... Hör dieses eine Mal auf, mit mir zu streiten... und komm einfach mit.“
Ich starrte ihn an, und seine Augen flehten mich an. Er sah genauso verängstigt aus, wie ich mich fühlte.
Warum kann ich nicht ‚nein’ sagen?
Warum kann ich nie zu ihm ‚nein’ sagen?
***
Und so befand ich mich wieder am Anfang, umklammerte ihn, drückte mein Gesicht an seine Lederjacke, den Tränen nahe, und wollte ihn anschreien, obwohl er mich gegen den Wind und den Motorlärm kaum hören würde. Wir fuhren in die Wüste. Ich hätte sicher gelacht, wenn ich nicht befürchtet hätte, dass es als Schluchzer rauskommen würde. Endlich fuhr ich zusammen mit Michael in die Wüste, aber das war nicht das, was ich mir erträumt hatte zusammen die Sterne anzusehen wie beim letzten Mal, und darüber zu staunen, wie viele es gab, wie nahe sie waren, genau wie in dieser Nacht vor langer Zeit, als ich in der Mitte eines leeren Feldes stehen blieb, um die Sterne zu bewundern, ohne jegliche Angst.
Wir bogen von der Hauptstraße ab und fuhren auf einem kaum sichtbaren Pfad weiter. Ich blickte über seine Schulter nach vorn und sah einen Felsen auf uns zukommen. Wir waren auf der Ranch, von der er mir erzählt hatte. Er stellte den Motor aus und stieg ab.
„Sie sind noch nicht da...” Er drehte mir den Rücken zu, als könnte er mir nicht einmal mehr in die Augen sehen, „Max wollte wahrscheinlich erst herausfinden, ob du Liz etwas angetan hast...“
„Etwas angetan habe? Warum sollte er denken, dass ich ihr was angetan habe? Ich mag Liz...“
„Er denkt, dass du von Nasedo geschickt wurdest. Er denkt, dass du hier bist, um seine Beziehung mit Liz zu zerstören. Er denkt, du bringst ihn dazu, diese Träume zu haben.“
Ich sarrte ihn an, gaffte ihn an. Was zur Hölle sollte das? Bin ich jetzt der Schwarze Peter?
„Wirklich? Versteht Max auch, dass sich die Welt nicht nur um ihn und seine Freundin dreht?” Er grinste und trat einen Stein auf dem Boden. „Er hat dir von den Träumen erzählt...“, sagte ich sanft, „was er darin mit mir anstellt...” Er sah mich an, sein Gesicht war ausdruckslos, seine Augen dunkel, so dunkel wie der Nachthimmel.
„Ja, das hat er. Aber das hat sowieso keine Bedeutung er will dich eben nicht. Er liebt dich nicht. Er wird dich nie lieben. Er will Liz, und sie gehören zusammen, egal was du sagst. Du kannst nichts dagegen tun.“
Ich stieg vom Motorrad, stellte mich vor ihn und starrte ihm direkt ins Gesicht, so wie er es immer bei mir tat. „Warum denkst du, ich würde etwas dagegen unternehmen wollen? Hast du mal daran gedacht, dass ich noch weniger von ihm träumen will, als er von mir? Ich hasse das genauso wie er, und ich verstehe es noch weniger als er! Denkst du nicht, dass es mich erschreckt? Dich stört es natürlich nicht, dass ich mich fürchte einzuschlafen, fürchte, mich nicht unter Kontrolle zu haben, fürchte, mit dem Gefühl aufzuwachen, als hätte ich... als... Du weißt einen Dreck, wie das ist, okay! Falls jemand bei jemandem diese Träume verursacht, bin ich es nicht! Ich kann diesen Mist nicht, weil ich zum tausendsten Mal NICHT EINE VON EUCH BIN!“
„HÖR AUF! HÖR AUF ZU LÜGEN! DU WEIßT GENAUSO GUT WIE ICH, WER DU BIST!“
„WAS MACHT DICH DA SO SICHER?!“
„DU BIST BEI MIR GEBLIEBEN! DU... hast zugelassen, dass jemand, den du noch nie zuvor gesehen hast, dich aus deinem Haus schleppte und in einen anderen Staat mitnahm... Entweder erkannte etwas in dir die Wahrheit, oder du hast mich die ganze Zeit belogen, über alles...“
„Vielleicht hab' ich's! Nein weißt du was? Kein vielleicht ich habe dich belogen. Ich wusste schon, als wir Marathon verließen, dass es nicht wahr sein konnte!“
„Warum hast du nichts gesagt?! Warum hast du die Nacht mit mir verbracht? Warum hast du mich... Warum solltest du lügen?“
Ich sah ihn an, konnte kaum atmen, die Tränen kaum zurückhalten, und ich hasste mich dafür, dass ich fast vor ihm weinte und weil ich bei dir sein wollte... dachte.
„Und was ist mit dir?“, fragte ich statt dessen.
„Was soll mit mir sein?“
„Du glaubst doch selbst nicht, dass ich eine von euch bin. Du glaubst nicht mehr als ich, dass ich hierhin gehöre...“
„Du hast keine Ahnung, wovon du sprichst...“
„Michael, wenn du wirklich daran glauben würdest, hättest du mich nie mit dem Sheriff weggehen lassen egal was ich glaubte, egal was ich sagte... du hättest mich nicht gehen lassen...“
„Ich wusste, dass du eine von uns bist. Ich wusste es...“
„Warum bist du dann nicht zurückgekommen..?“, flüsterte ich, „Warum hast du mich gehen lassen...“
Er sah mich schweigend an.
Ich fühlte mich so, als würde ich innerlich sterben. Ich schnappte nach Luft und Antworten, mit dem einzigen Wunsch, dass alles hier endlich aufhören würde, dass mein Leben wieder wie früher war auch wenn es ziemlich beschissen gewesen war als ich noch wusste, wer ich in Marathon war, und noch wusste, dass meine Gefühle real waren.
Er atmete tief ein, öffnete den Mund um etwas zu sagen, und schloss ihn wieder, weil ein Jeep den Pfad auf uns zukam und neben dem Motorrad stehen blieb.
Es waren Max und Isabel.
Ich sah, wie sie aus dem Jeep stiegen und auf uns zukamen. Er trat von mir weg, und ich versuchte, es nicht zu beachten.
Isabel war wunderschön... mehr als wunderschön, sie war erstaunlich. Ich sah ihr langes, blondes Haar, während sie zu uns kam, und fühlte mich eingeschüchtert, obwohl sie noch kein einziges Wort gesagt hatte. Max folgte ihr, sein Mund war fest zusammengeschlossen, seine braunen Augen waren hart. Ich fühlte mich in die Enge getrieben.
„Das ist Maria“, murmelte Michael und zeigte auf mich. Sie starrten mich an. Ich starrte sie an.
„’Tschuldigedassichdichgesternumgehauenhabe“, sagte ich zu Max, und er blinzelte.
„Schon in Ordnung...“, antwortete er leise. „Ich habe nicht aufgepasst... ich sollte selber schauen, wohin ich gehe...“
„Ich auch...“, flüsterte ich und atmete tief ein: „Schau, ich weiß nicht, was geschieht... Ich weiß nicht, warum ich v